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DIE AUSROTTUNGSFELDZÜGE DER "KAISERLICHEN SCHUTZTRUPPEN IN AFRIKA" UND DIE SOZIALDEMOKRATISCHE REICHSTAGSFRAKTION

Von

Oberst Prof. Dr. habil. Horst Kühne (BRD)

"Streitkräfte und koloniale Entwicklung" - dieser Problemkreis stand in Deutschland wiederholt im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, seit sich das Kaiserreich 1884 als Kolonialmacht etabliert hatte. Im Reichstag kam es zu heftigen Debatten über die Funktion der "Kaiserlichen Schutztruppen in Afrika". Die brutalen militärischen Aktionen in den überseeischen "Schutzgebieten" wurden nicht nur von der sozialdemokratischen Fraktion verurteilt. Namhafte Abgeordnete der bürgerlichen Oppositionsparteien traten gleichfalls dagegen auf. Selbst aus den Reihen deutscher Pflanzer war schließlich Kritik zu hören; unter der Überschrift "Zur Frage der Kolonial Armee" berichtete eine ihrer Zeitungen im April 1907 über die Lage in den südlichen Regionen Deutsch- Ostafrikas: "Hier wurde so lange auf die Eingeborenen losgehetzt und geschossen, bis alle tot oder in entlegene Gegenden geflohen und die an diesem 'Feldzuge' teilnehmenden Herren Europäer mit dem Schwerterorden versehen waren.... Das sind die Folgen einer Kolonialpolitik, deren Lächerlichkeit allen hochtrabenden Phrasen über unseren Beruf als Kolonisatoren ein Ende machen sollte, das ist die notwendige Folge eines militärischen Verwaltungs-systems."1

Die revolutionäre Sozialdemokratie ließ sich von dem Grundsatz leiten, daß "eine Nation nicht frei werden und zugleich fortfahren (kann), andere Nationen zu unterdrücken".2 Im Unterschied zu anderen politischen Kräften enthüllte sie die Hintergründe des Wütens deutscher Kolonialtruppen.3 Die Repräsentanten der Arbeiterbewegung kämpften gegen das System des Kolonialismus, nicht nur gegen seine extremsten Erscheinungsformen.

Während bürgerliche Kritiker dafür plädierten, die Herrschaft in den "Schutzgebieten" nach englichem Vorbild zu gestalten, erklärte August Bebet: "Im Grunde genommen ist das Wesen aller Kolonialpolitik die Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in der höchsten Potenz. Wo immer wir die Geschichte der Kolonialpolitik in den letzten drei Jahrhunderten aufschlagen, überall begegnen wir Gewalttätigkeiten und der Unterdrückung der betreffenden Völkerschaften, die nicht selten schließlich mit deren vollständiger Ausrottung endet."4 Die deutschen Marxisten bezeichneten es schon im Juni 1884 als Illusion, eine friedliche Erwerbung und Entwicklung überseeischer Territorien zu erwarten: "Wer A sagt, muß auch B sagen. Wer heute Kolonien sagt, sagt auch Kolonialkriege, sagt Panzerschiffe, sagt Kolonialarmee und stehendes Heer, sagt

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