X hits on this document

1047 views

0 shares

0 downloads

0 comments

116 / 367

  • -

    88 -

nicht abgegangen ist ... Man will ein gutes Geschäft und zwar ein sehr gutes Geschäft machen, einerlei wie man dazu kommt". 52

In den Jahren 1906 - 1914 trieben die deutschen Kolonialherren den Bau von Eisenbahnen und Straßen beschleunigt voran. Gleichzeitig wurden alle Militärstationen und Bezirksämter der "Schutzgebiete" mit modernen Nachrichtenmitteln ausgestattet. Von den anderen Vorhaben Dernburgs blieb vieles auf dem Papier. Die lautstark angekündigte Reform der kolonialen Herrschaftsmethoden kam nicht über Ansätze hinaus. Gegen die im Kaiserreich tonangebenden Verfechter von nackter Gewalt und Zwangsarbeit konnte sich Dernburg nicht behaupten; er wurde bald als "negrophiler Jude" verunglimpft und 1910 gestürzt. 53

Wenn es in einigen Darstellungen heißt, Bernhard Dernburg habe ethisch- zivilisatorischen Grundsätzen zum Durchbruch verholfen54 und eine positive Gesamtbilanz der deutschen Kolonialgeschichte ermöglicht,55 so widerspricht dies den historischen Tatsachen. Die These, daß auf die Vernichtungskriege eine "Betonung der Schutzfunktion des Staates den Kolonisierten gegenüber" gefolgt sei, hält keiner ernsthaften Prüfung stand. Obwohl sich in den deutschen Kolonien seit 1906 ein Übergang zu differenzierteren Unterdrückungs- und Ausbeutungspraktiken abzeichnete, war der brutale außerökonomische Zwang weiterhin von entscheidender Bedeutung.57 Wie wenig sich unter Dernburgs Einfluß die Funktion der "Kaiserlichen Schutztruppen in Afrika" wandelte, bezeugt ein Bericht der englischen Kolonialbehörden aus dem Jahre 1909: "The great aim of German policy in German South West Africa, as regards the native, is to reduce him to a state of serfdom, and where he resists, to destroy him alto- gether”. 56 58

Der Kolonialmilitarismus, "das bestialischste, abenteuerlichste aller Werkzeuge der kapitalistischen Staaten",59 wurde nur von der revolutionären Arbeiterbewegung konsequent bekämpft. Nicht in einer "neuen Kolonialpolitik" à la Dernburg sah sie die Alternative, sondern in der Befreiung der unterdrückten Völker. Sie wies revisionistische Konzeptionen zurück und blieb - wie W.I. Lenin 1907 schrieb - bei ihrer 'prinzipiellen Stellungnahme gegen Froberungen, gegen die Unterwerfung fremder Völker, gegen Gewalt und Raub, die den Inhalt der 'Kolonialpolitik' bilden". 60

Seit Beginn der kaiserlichen Kolonialherrschaft - auch unter den schweren Bedingungen des Sozialistengesetzes - setzten sich die deutschen Marxisten unerschrocken für die Menschenrechte der in den "Schutzgebieten" lebenden Völker ein, nicht zuletzt für deren Recht auf Selbstbestimmung. Gleichzeitig verdeutlichten sie die verhängnisvollen Folgen des Kolonialismus für die deutschen Werktätigen. Sie wiesen nach, daß die Feldzüge in Afrika nicht nur ökonomische Belastungen brachten, sondern zugleich die Positionen der Reaktion stärkten.

Document info
Document views1047
Page views1047
Page last viewedThu Dec 08 05:00:34 UTC 2016
Pages367
Paragraphs3833
Words145620

Comments