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Bezeichnend für die innerpolitischen Rückwirkungen der Kolonialkriege waren die Reichstagswahlen im Januar 1907. Diese sogenannten Hottentottenwahlen inszenierte die kaiserliche Regierung unter nationalistischen und antisozialistischen Losungen, nachdem sich die Abgeordneten der Sozialdemokratie, des Zentrums und der Linksliberalen in einer Haushaltsdebatte erneut gegen den Feldzug in Südwestafrika ausgesprochen hatten.61 Propagandaorganisationen des Monopolkapitals wie der Alldeutsche Verband, der Deutsche Flottenverein, die Kriegervereine und nicht zuletzt die Deutsche Kolonialgesellschaft führten eine aufwendige Wahlkampagne für den konservativen Bülow-Block. Als offiziöser Repräsentant der Regierung trat der "Reichsverband gegen die Sozialdemokratie" auf; an dessen Sptize stand Generalleutnant von Liebert, ein ehemaliger Gouverneur von Deutsch- Ostafrika. Die Partei August Bebels wurde in zahllosen Versammlungen und Druckschriften unpatriotischer Gesinnung bezichtigt. Die deutschen Marxisten ließen sich jedoch von der chauvinistischen Pogromatmosphäre nicht beirren, obwohl sie fast die Hälfte ihrer Reichstagsmandate verloren. Ihrem Standpunkt gab Clara Zetkin nach den Wahlen von 1907 mit den Worten Ausdruck: "Das Wesen des proletarischen Patriotismus charakterisiert sich in seinem Verhalten zum Ausland als internationale Solidarität der Ausgebeuteten und Unterdrückten aller Nationen und Rassen". 62

Die "Schutzgebiete" des Kaiserreiches erwiesen sich als Brutstätten des Antidemokratismus und Rechtsextremismus. Wie die Kolonien anderer Mächte waren sie nicht zuletzt bestimmt, "den Bluthunden, die man aufs Volk hetzt, die richtige Brutalität und Gemeinheiteinzuimpfen".63 Dies zeigte sich vor allem nach der Novemberrevolution von 1918. Jetzt marschierte die Kolonialsoldateska gegen die deutschen Arbeiter und Bauern. Ihre Aktionen ähnelten Strafexpeditionen in den ehemaligen "Schutzgebieten".64 Aus den "Kaiserlichen Schutztruppen" hervorgegangene Generale wie Maercker, Lettow- Vorbeck und Epp versuchten schon 1919/1920, in Deutschland eine konterrevolutionäre Militärdiktatur zu errichten. Sie gehörten zu den Wegbereitern des Hitlerfaschismus.

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