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Zum anderen meldeten sie gerade in den 90er Jahren, gestützt auf eine beachtliche industrielle Entwicklung und die militärische Stärke desReiches verstärkt Ansprüche auf Weltmachtgeltung und Weltmachteinfluß an. Das aber war unter den gegebenen Bedingungen gebunden an den Erwerb außereuropäischer Stützpunkte und an eine Erweiterung des Kolonialbesitzes Deutschlands. Dies wiederum ließ sich angesichts der nahezu beendeten Aufteilung der Welt unter die imperialistischen Großmächte mit "friedlichen" Mitteln nicht erreichen. So nahm Wilhelm II. als Exponent dieser herrschenden Kreise Kurs auf eine Außenpolitik der militärischen Stärke. Sie entsprach den Interessen sowohl der großen Industriellen wie der enflußreichsten Finanzund Handelspolitiker und fand Unterstützung bei führenden militärischen Kreisen, insbesondere der kaiserlichen Marine. Durch eine solche Politik erhoffte man sich jenen "Platz an der Sonne" (Reichskanzler v. Bülow), der etwas weniger prosaisch vor allem Sicherung neuer Rohstoffquellen, Absatzgebiete und Einflußsphären bedeutete. Dabei war einkalkuliert, daß der Erwerb und die Ausbeutung von Kolonien weiter wachsende Rüstungen, besonders eine starke Flotte voraussetzte.

Sehr deutlich war dieser Zusammenhang Mitte der 90er Jahre in Afrika sichtbar geworden. Die Absichten zur Ausweitung des dortigen deutschen Kolonialbesitzes konnten angesichts des Widerstandes der anderen dort einflußreichen Kolonialmächte, vor allem Englands, nicht verwirklicht werden. Ein ausschlaggebender Faktor hierfür war die um die Mitte der 90er Jahre gegebene sechsfache überlegenheit der britischen über die deutsche Flotte. Diese Erfahrung und die kolonialen Expansionsziele Deutschlands bildeten einen wichtigen Stimulus für die Flottenvorlagen von 1898 und 1900, die eine enorme Flottenrüstung bewirkten.1 Deutschland müsse, so hieß es in der Begründung für die Flottenvorlage von 1900, zumSchutz seiner ökonomischen Interessen und zur Durchsetzung seiner Kolonialpolitik "eine so starke Schlachtflotte besitzen, daß ein Krieg auch für den seemächtigsten Gegner mit derartigen Gefahren verbunden ist, daß seine eigene Machtstellung in Frage gestellt wird." 2

Aber bevor das Reich eine derart starke Flotte besaß, wandte sich - gefördert durch den Widerstand in Afrika - die Aufmerksamkeit einflußreicher Kreise des deutschen Kapitals und auch des Kaisers stärker dem Nahen und Fernen Osten zu. Vor allem in China stellte sich für sie die Lage in einigen Punkten recht günstig dar. Zwar hatten alle Großmächte ihre "Ansprüche" auf einen Teil des "chinesischen Kuchens" - wie diese potentielle Quelle gewaltiger Extraprofite genannt wurde - schon angemeldet bzw. waren bei deren Realisierung vorangeschritten. Es war jedoch keiner von ihnen, weder England noch Rußland, Japan oder Frankreich gelungen, sich dabei solche Machtpositionen zu schaffen, die es ihr erlaubt hätten, ihren imperialistischen Rivalen mit Gewalt ein eigenes Ein- oder weiteres Vordringen in China zu verwehren. Hinzu kam, daß China auf Grund seiner inneren Struktur und rückständigen ökonomischen Entwicklung nicht in der Lage war, die in

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