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muß man freilich nicht eingehen, denn wenn wir ehrlich sein wollen, so ist es Geldgier, die uns bewogen hat, den großen chinesischen Kuchen anzuschneiden ... Darin sind wir keinen Deut besser als die Engländer in Transvaal." 7

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Für die Aufstellung von größeren Truppenkörpern zum Einsatz in Obersee lagen im kaiserlichen Deutschland kaum Erfahrungen vor. Die 1884/85 begonnene Eroberung von Kolonien hatte zwar den Aufbau der "Kaiserlichen Schutztruppen in Afrika" in Gang gesetzt. Sie waren aber nur für den Einsatz in der betreffenden Kolonie vorgesehen, weshalb sich ihr Mannschaftsbestand vorwiegend aus Afrikanern rekrutierte. Für den überseeischen Einsatz standen Truppen in Form zweier Seebataillone zur Verfügung, die jedoch noch kaum eingesetzt worden waren. Ein drittes Seebataillon war mit der Inbesitznahme von Kiautschou aufgestellt und auch dort stationiert worden.

Die am 19. Juni 1900 befohlene Mobilmachung der in Kiel und Wilhelmshaven stationierten beiden Seebataillone und ihre Verstärkung durch eine Pionier- und Sanitätskompanie sowie eine Feldbatterie auf 2500 Mann8 leitete den offiziellen Beginn der deutschen Interventionsvorbereitungen ein. Darüber hinaus befahl der Kaiser die Aufstellung eines größeren Truppenverbandes als spezielles Expeditionskorps. Mit der Aufstellung einer so großen Formation außerhalb des Heimatheeres waren allerdings Probleme verbunden, die in den Führungskreisen Meinungsverschiedenheiten taktischer Natur hervorriefen.9 So gab es unterschiedliche Auffassungen über die Frage, ob es zweckmäßig sei, die parlamentarischen Spielregeln einzuhalten und die Zustimmung des Parlaments einzuholen. Diese Frage entstand, weil der Kaiser staatsrechtlich nicht befugt war, Truppen für diesen Zweck zu mobilisieren. Es gab weder einen offiziellen Kriegszustand mit China noch war Kiautschou Kolonie oder auch nur Schutzgebiet Deutschlands. Erforderte unter diesen Umständen allein die Formierung neuer Truppenkörper die Zustimmung des Reichstages, so war diese Zustimmung auch für die damit verbundenen Finanzierungsfragen notwendig. Während sich der Staatssekretär des Innern und die Mehrzahl der Bundesratsbevollmächtigten für die Einberufung des Reichstages aussprachen, wollten der Kaiser, sein Kanzler und andere führende Vertreter der herrschenden Klassen davon absolut nichts wissen. Wilhelm II. sah in der bewußten Ignorierung des Parlaments eine passende Gelegenheit, seine Kraftmeierei auch durch Taten zur Schau zu stellen. Er hielt es als Souverän für völlig ausreichend, "lediglich dem Bundesrat Kenntnis seiner Befehle und Absichten" zu geben. 10

Wesentlicher für die Ausschaltung des Parlaments aber war ein anderer Grund. Die Alldeutschen, die die Interessen der mächtigstai Industrie- und Handelskreise vertraten, hatten es gerade geschafft, ihrer expansiven Politik

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