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durch die Annahme des Tirpitz'schen Flottenprogramms und das Anheizen einer nationalistischen Welle Nachdruck zu verleihen, da konnten sie keinerlei Störung gebrauchen. Diese Gefahr aber schien ihnen bei einer Vorlage im Reichstag nicht ausgeschlossen. Staatssekretär von Bülow (ab Oktober 1900 Reichskanzler) und andere Mitglieder des Kabinetts befürchteten, Vertreter der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion könnten in einer parlamentarischen Debatte die wahren Hintergründe und Ziele der vorgesehenen militärischen Intervention in China entlarven und damit diesem Vorhaben sowie der imperialistischen Expansionspolitik insgesamt ein zumindest moralisches Fiasko bereiten.11 Darauf jedenfalls deutete die Haltung der sozialdemokratischen Presse hin, welche die Einberufung des Reichstages forderte und in ihrer Mehrheit die vorgesehene Intervention in klaren Stellungnahmen verurteilte. Eine gewisse Rolle spielte auch die Ungewißheit darüber, ob alle Abgeordneten der übrigen Fraktionen genügend "einsichtig" sein und den mit dem Vorhaben verbundenen hohen finanziellen Kosten ohne lange Diskussion und Vorbehalte zustimmen würden.

Bülow tat das eine, ohne das andere völlig zu lassen. Statt in eine ungewisse Parlamentsdebatte zu gehen, hielt er es für "viel richtiger, später mit einem vollen Erfolg vor der Volksvertretung zu erscheinen." Dann könne man auch ohne Befürchtungen die nachträgliche Geldbewilligung fordern. Und als ihm vom Kriegsministerium bedeutet wurde, das Unternehmen könne 100 Millionen kosten, antwortete er, daß man dann den Chinesen eben 500 Millionen abnehmen werde.12 Mit einem solchen "Gewinn", der übrigens auch vom Kaiser für den weiteren Ausbau der Flotte dringend angestrebt wurde, war sich Bülow der Finanzbewilligung durch den Reichstag sicher. Dennoch berief er für den 11.7.1900 den Ausschuß des Bundesrates für auswärtige Angelegenheiten ein und informierte ihn in einer geheimen Sitzung über die Aufstellung und den geplanten Einsatz des Ostasiatischen Expeditionskorps. Mit dieser Sitzung - es war übrigens seit 1879 wieder die erste Zusammenkunft dieses Ausschusses - verfolgte Bülow einen doppelten Zweck: Sie diente einmal der Sache selbst, denn sie wahrte den Schein einer parlamentarischen Absicherung des Unternehmens. Sie diente zum anderen diesem Ausschuß, denn sie führte zur "Beruhigung gewisser Kreise, welche ... scharfe Angriffe auf diesen Ausschuß richteten, weil derselbe in völliger Untätigkeit seine Tage verbringe." 13

Während die Regierung auf diese Weise im Interesse der Expansions- und Rüstungspolitik die selbstgesetzten parlamentarischen Spielregeln mißachtete, sorgte sie andererseits für einen zügigen Fortgang der militärischen Maßnahmen. Das in Ostasien stationierte Kreuzergeschwader der kaiserlichen Marine wurde verstärkt und verfügte Ende Juli 1900 über 4 Linienschiffe, 4 große und 7 kleine Kreuzer, 4 Kanonen- und 4 Torpedoboote.14 Dieser starke Verband diente bei weitem nicht nur dazu, dem Expeditionskorps im Kampf gegen die Ihotwan oder auch reguläre chinesische Truppen maritimen Rückhalt zu geben. Er war auch dazu gedacht, den deutschen Ansprüchen gegenüber den anderen

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