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Außenpolitik kollidieren konnten. Zumindest war man bis 1897, als Bülow Marschall als Außenminister ablöste, nicht sonderlich an einem Stützpunkt in China interessiert. Gleichwohl waren erste Versuche aktiverer Chinapolitik bereits 1896 unternommen worden. Ein Fußfassen in Kiautschou schien aussenpolitisch am ehesten realisierbar, das das Gebiet noch etwas im Windschatten internationalen Interesses lag. Eine vorsichtige Anfrage des Auswärtigen Amtes bei der chinesischen Regierung war jedoch auf ein glattes Nein gestoßen. Auch weitere tastende Versuche, friedlich zu einem Stützpunkt zu kommen, schlugen fehl. Die chinesische Politik hatte nach dem japanisch- chinesischen Krieg von 1894/95 eine Wendung vollzogen; sie gab ihre bisherige Schaukelpolitik zwischen den Großmächten auf und stützte sich ausschließlich auf Rußland. Um den deutschen Wünschen einen Riegel vorzuschieben, räumte sie Rußland die Erlaubnis ein, die Kiautschou-Bucht als Ankerplatz zu benutzen. Gleichwohl war Peking bereit, die deutsche Freundschaft durch geringe Zugeständnisse zu erhalten, jedoch ohne Preisgabe chinesischen Gebiets.

Die Besetzung Kiautschous

Im Jahre 1896 entschied ein Kronrat, das Kiautschou-Gebiet in Besitz zu nehmen. Wilhelm II befahl Admiral Knorr, die militärische Aktion vorzubereiten. Mit Rußland sollte die Lage durch Verhandlungen geklärt werden. Im Herbst 1897 war man in Berlin fest entschlossen, bei geeignetem Anlaß zu handeln. Diesen bot die Ermordiu der Missionare Henle und Nies in Südwest-Schantung am 1. November 1897. Am 6. November erhielt das Ostasiengeschwader unter Admiral Diederichs den Befehl, Kiautschou zu nehmen. Am 14. November mittags landeten 700 Mann Marine in der Kiautschou-Bucht nahe den Kasernen der 2000 Mann starken chinesischen Garnison von Tsingtau. Diederichs forderte den chinesischen Kommandeur ultimativ auf, seine Truppen binnen drei Stunden zurückzuziehen. Er proklamierte die deutsche Besitzergreifung und erklärte sich zum Gouverneur. In Berlin herrschte eine gewisse Unsicherheit: noch wußte man nicht, wie Rußland reagieren würde. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung der Marine stand Tirpitz auf dem Standpunkt, "die Zeit sei noch nicht reif für eine Besetzung". Er fürchte einen Konflikt mit Rußland und den Widerstand Chinas, wodurch der deutsche Chinahandel zugunsten Englands ruiniert würde, vor allem aber fürchtete er, daß durch eine Verärgerung des Reichstags sein Flottengesetz in Gefahr käme.

Um China zu beschwichtigen, wurde jeder Gedanke an eine Annexion des besetzten Gebietes öffentlich zurückgewiesen. Zugleich wurden Verhandlungen mit Rußland und England eingeleitet. Rußlands Zustimmung war innerhalb eines Monats erreicht, man verständigte sich dahin, daß Rußland als Kompensation für das deutsche Vorgehen Port Arthur nehmen solle. Dieses Im-Stich- Gelassenwerden durch seinen Hauptverbündeten Rußland war eine schwere Enttäuschung für China. Nach Rußland stimmte auch England der deutschen

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