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Der von den Deutschen aufgezwungene Pachtvertrag, die Wegnahme Port Arthurs durch die Russen, die Inbesitznahme der Kwang Tschow - Bucht durch Frankreich, von Wei-hai-wei durch England, der nur mühsam abgewehrte Versuch Italiens, ebenfalls in China Fuß zu fassen, zeigte Chinas Schwäche, sein Unvermögen, den westlichen Imperialismus abzuwehren. Dabei waren die jeweiligen Exponenten der chinesischen Außenpolitik, bei Variationen im einzelnen, sich in der Grundhaltung einig, China vor den Fremden zu retten, die "verhaßten fremden Teufel" aus dem Lande zu jagen, sobald sich die Möglichkeit dazu bot.

In der Abwehr fremden Einflusses gab es unterschiedliche taktische Modelle. Vor 1890 herrschte eine pragmatische Denkschule vor, die durch Flexibilität und Ausspielen der fremden Mächte gegeneinander den Druck auf das Reich zu mildern suchte. Ferner gab es eine ideologisch orientierte, die militant-konservative Schule, deren Ziel die Reinerhaltung chinesischen Lebens nach den Regeln des Konfuzius war. Sie propagierte eine kämpferische Haltung gegenüber den Fremden. Von der imperialistischen Herausforderung der Jahre 1897/98 ausgelöst, bildete sich eine dritte neue außenpolitische Haltung aus, eine weitreichende Reformbewegung. Sie strebte die Modernisierung Chinas an, die Mobilisation geistiger Eliten, Stärkung und Bewahrung der chinesischen Souveränität, wirtschaftliche Autonomie, nationale Außenpolitik, Anwendung des westlichen Völkerrechts auf China.

Während der ersten Jahre der deutschen Präsenz in Schantung war die chinesische Regierung nacheinander von der militant-konservativen und der nationalen Reformbewegung beherrscht. Diese beiden Gruppen bestimmten gegenüber dem deutschen Streben nach einer Einflußsphäre die chinesische Politik. Bei der Erörterung der Frage, in welchem Umfang die deutsche Marineverwaltung des Pachtgebiets unter den von Tirpitz eingesetzten Gouverneuren ihre Ziele erreichte und wie weit es degegen der chinesischen Politik gelang, diese Bestrebungen zum Scheitern zu bringen, müssen wir zwischen dem eigentlichen Pachtgebiet, also Tsingtau und seiner Umgebung und der Provinz Schantung unterscheiden. Der Zusammenhang beider Gebiete ist dadurch gegeben, daß die ökonomische Entwicklung Tsingtaus, besonders sein Ausbau als Großhafen, nur einen Sinn ergab, wenn gleichzeitig das Hinterland, Schantung, erschlossen wurde.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Pachtgebiet. Es umfaßte bekanntlich die beiden die Einfahrt zur Bucht westlich und östlich flankierenden Halbinseln bis zu einer gewissen Ausdehnung, verbunden durch einen die Bucht umschließenden schmalen Landstreifen, insgesamt eine Fläche etwa von der Größe des Bodensees. Wilhelm II übertrug die Verwaltung dem Reichsmarineamt. Tirpitz setzte seinen Marinegouverneuren (den Kapitänen zur See Rosendahl, Jaeschke und Truppel) zum Ziel, eine Musterkolonie aufzubauen

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    militärische Gesichtspunkte traten dabei bei Tirpitz früh zurück. Tatsächlich

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