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gelang in relativ kurzer Zeit der Aufbau einer modernen Verwaltung. An der Spitze stand als "Souverän" der Gouverneur mit vollem Hoheitsrecht über die zivilen und militärischen Angelegenheiten aller im Pachtgebiet angesiedelten Nationalitäten. Ihm unmittelbar untergeben waren ein Chef des Stabes zur Leitung der Garnison und ein Zivilkomissar für die Bevölkerung, ein Beamter. Die Garnisonstruppe umfaßte 1500 Mann, vorwiegend Angehörige des III. Seebataillons, und eine Chinesenkompanie von 120 Mann. Dem Gouverneur unterstanden ferner direkt die Leiter der drei wichtigsten Behörden: Gesundheitsamt, Amt für öffentliche Arbeiten und Finanzamt. Der Chef des Stabes, der Zivilkommissar und die Chefs der drei Ämter bildeten den "Gouvernementsrat", das eigentliche Regierungsorgan des Gouverneurs. Ein Element der Selbstregierung war der teils ernannte, teils gewählte Beirat zur Beratung des Gouverneurs, zu dem sich später als Repräsentanz der chinesischen Bevölkerung ein chinesisches Ratsorgan gesellte. Der chinesische Bevölkerungsteil wurde durch einen Kommissar für chinesische Angelegenheiten unter dem Zivilkommissar verwaltet. Zwei deutsche Beamte fungierten als Chefs von "Bezirksämtern". Sie hatten gewisse verwaltungsgerichtliche Befugnisse, wobei die Gerichtspraxis dem bestehenden chinesischen System so nahe wie möglich kommen sollte, wie überhaupt das deutsche Bestreben dahin ging, alle anstehenden Fragen im überlieferten chinesischen Rahmen zu regeln. Anlaß mit militärischer Macht Widerstände zu brechen ergab sich in Tsingtau kaum, indessen mußte im ländlichen Bezirk zum Schutze der Bevölkerung gegen landesübliche Räuberbanden durchgegriffen werden. Zur Hauptaufgabe der Marinetruppe in der Aufbauphase gehörte friedliche koloniale Tätigkeit: Soldaten waren eingesetzt beim Straßenbau, bei den sonstigen zahlreichen Bauvorhaben, im Gesundheitswesen, in der Bodenamelioration und Aufforstung. In der eminent wichtigen Frage des Landerwerbs und Landverkaufs sicherte sich das Gouvernement ein Monopol, um Preiswucher und Spekulationskäufe zu verhindern. Die Marineverwaltung fand dabei die weitgehende Unterstützung der einheimischen Behörden. Das Gouvernements-Dekret über Landverkauf orientierte sich an der deutschen Landreformbewegung und an den Ideen des Amerikaners Henry George,2 dessen Gedanken in Kiautschou erstmals verwirklicht wurden. In der Absicht, Tsingtau zu einem bedeutenden Umschlagplatz für das in Schantung zu entwickelnde wirtschaftliche Leben zu machen, trat die Marine für den Freihafengedanken ein. Ein Vertrag vom April 1899 sicherte Tsingtau eine Stellung, die aus der Kombination eines Freihafens mit einem chinesischen Vertragshafen resultierte. DasGouvernement genehmigte die Eröffnung einer Zweigstelle des Kaiserlich Chinesischen Zollbüros in Tsingtau. Generell war die Marine darauf bedacht, die "Lebensqualität" für alle Bewohner ihrer Musterkolonie zu erhöhen. Die sozialen Dienste der Missionen waren ihr dabei eine große Hilfe.

Versehen mit diesem administrativen Apparat, finanziell reichlich ausgestattet mit Mitteln des Reichhaushalts begannen die Marinevertreter ihre Aufbauarbeit im Pachtgebiet. Einen Einfluß auf die Provinz hoffte sich die

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