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ist, wie schnell sich die Szene wandelte und daß selbst bei den militärischen Aktionen der Anfangsphase ein eigentlich patriarchalisches Moment mitschwang, nämlich widerstrebende Elemente der Bevölkerung zu ihrem Besten zur "Raison" zu bringen. Schlechten Gewissens wegen der - nach erfolglosen Verhandlungen - gewaltsamen Wegnahme des Pachtgebiets, aber im Bewußtsein letztlich doch guter Absichten war die in Kiautschou verfolgte offizielle deutsche Politik im Grunde eine Politik der Beschwichtigung. Von Bedeutung war hier vor allem der mäßigende Einfluß von Tirpitz, der gemeinhin gerne als "Militarist" gebrandmarkt, so gar nicht imperialistischmilitaristische Ziele verfolgte, sondern Handelsvorteile suchte. Auf Tirpitz Einschreiten ist es auch zurückzuführen, daß die Strafaktion im Raum von Kaumi im Jahre 1900 der stärkste Akt von Repression während der ganzen deutschen Besatzungszeit blieb. Nach 1905 entfiel ohnehin jede militärische Aktivität der Truppen. So fehlen diesem "aufgeklärten Imperialismus" die Züge des aggressiven, repressiven Imperialismus, nämlich das brutale Diktat von oben, die Zerstörung gewachsener Verhältnisse und der Individualität der Bevölkerung. Vor allem fehlt das Moment rücksichtsloser Ausbeutung.

Diese Fakten müssen im Interesse einer objektiven Darstellung genannt werden, obwohl natürlich jeder Akt der gewaltsamen Inbesitznahme fremden Gebiets, auch eine erzwungene Pachtgewährung, nach den Normen des Völkerrechts und der politischen Moral verurteilt werden muß. Geschichtlich gesehen ist aber relevant, wie aus einem Akt bösen Tuns auch individuell positive Entwicklungen hervorgehen können. Betrachtet man vergleichsweise manche Aktionen der Entwicklungshilfe der Gegenwart - vor allem ist dabei zu denken an die Waffenlieferungen an Staaten der dritten Welt und die daran geknüpften politischen Bedingungen - so erscheinen die deutschen Aktivitäten in China von 1897 bis 1914, die ja nolens volens eine echte Entwicklungshilfe darstellen - relative harmlos.

Einen Gewinn zog übrigens das deutsche Reich nicht aus dem Chinaunternehmen. Es investierte über 200 millionen Reichsmark, erzielte aber in den ganzen Jahren bis 1914 nur 36 Millionen Einkünfte. Dem Abgeordneten Erzberger war es daher nicht zu verdenken, wenn er im deutschen Reichstag, bei aller Anerkennung der Leistung der Marine in Tsingtau, sarkastisch bemerkte, mit dem für das Pachtgebiet ausgegebenen Geld hätte man sogar aus der Mark Brandenburg einen blühenden Garten machen können.

Im Jahre 1914 erlag Tsingtau in fünf Tagen dem japanischen Ansturm. Die Stärke der Garnison und der Ausbau der Befestigungen waren - bezeichnender Weise - unzureichend.

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