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ohne nachhaltige Auswirkungen auf den Kampf um Gleichgewicht und Hegemonie auf dem Kontinent sei. Beide standen für ihn im Verhältnis wechselseitiger Interdependenz, ein Einsichten Bolingbrokesantizipierendes Verständnis der großben Politik. Bei der Interpretation seiner Kolonialpolitik müssen daher auch seine Schriften zur Außenpolitik berücksichtigt werden, besonders die Untersuchung "Intérêt présent des Etats de la Chrétienté". 5

Diese Schriften insgesamt können als das "Politische Testament" Vaubans gelten, nicht nur für seine Vorstellung von Richtung und Grenzen einer Frankreichs Interessen adäquaten Expansion auf dem Kontinent und in Übersee, sondern ebenso für sein Bild von einer zweckmäßigen und gerechten innerstaatlichen Ordnung. Denn die in anderen Denkschriften aufgestellten Forderungen politischer, sozialer und ökonomischer Reform brachte er auch in seinen kolonialpolitischen Beiträgen, zudem eindeutiger formuliert und ohne die im Mutterland, im Interesse der Realisierbarkeit, unvermeidlichen Konzessionen an das historische Recht. Auf dem jungfräulichen Boden der Kolonien glaubte er sein Ideal staatlicher und sozialer Ordnung umverfälscht verwirklichen zu können, "d'y commencer par le commencement". Seine Gedanken zur Organisation und Verwaltung der Kolonien vermitteln so ein "verkleinertes Modell seiner gesamten Staatsvorstellung". 6

Obwohl diese Schriften als "Politisches Testament" einen die Tagespolitik transzendierenden Charakter haben, ist ihr Bezug zur Realität doch unverkennbar. Auch sie sind, wie die Denkschriften des Marschalls generell, Produkte des Willens zur Beeinflussung politischer Entscheidungsprozesse, nicht eines distanzierten theoretischen Interesses für Politik und Ökonomie oder gar literarische Eitelkeit. Zunächst ist daher die Frage zu klären, was Vauban um die Jahrhundertwende veranlaßte, einen forcierten Ausbau der Kolonien in Amerika zu fordern.

Frankreich stand damals vor der Alternative, ob es sich mit der seit Richelieu, aus der Defensive gegen den Weltherrschaftsanspruch des Hauses Habsburg heraus, erkämpften hegemonialen Stellung begnügen oder das Erbe Karls II. beanspruchen und seinerseits den Kampf um die Universalherrschaft aufnehmen werde. Vauban lehnte eine Annahme der spanischen Erbschaft ab. Sein Argument für diese Entscheidung, die These nämlich, jedes Überschreiten der "bornes naturelles" werde zum Ruin des Landes führen, war das Ergebnis einer von ihm 1695, nach La Hogue also, im Rahmen einer Denkschrift über den Kaperkrieg angestellten militärischen Lagebeurteilung.7 Dort heißt es: Frankreich müsse sich im Landkrieg auf die Defensive beschränken und auf den Seekrieg konzentrieren, da Erfolge auf dem Kontinent die Zahl seiner Gegner nur vermehren und die Friedensaussichten verschlechtern würden. Dank ihrer überlegenen Wirtschaftskraft könnten die Seemächte jederzeit Bundesgenossen kaufen, mit Subsidien neue Armeen formieren und so nach Niederlagen ihre militärische Widerstandskraft regenerieren.

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