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Vauban sah den Kampf auf dem Kontinent also im weltpolitischen Kontext und in seinen wirtschaftlichen Bedingtheiten. Die stärkste Waffe von Frankreichs Gegnern waren für ihn nicht deren Landstreitkräfte, sondern die Flottenverbände der Seemächte sowie deren aus dem Kolonialhandel kommende finanzielle Kraft. Wollte Frankreich einen günstigen Frieden erreichen, mußte der Kriegswille der Seemächte gebrochen, mußten diese "véritables ennemis" Frankreichs dort getroffen werden, wo die Quellen ihrer Kraft lagen:auf den Meeren und in Ubersee 8 - eine strategische Alternative zur bisherigen Kriegführung, von der ausgehend er nach Ryswijk sein außen- und kolonialpolitisches Programm entwickelt hat: 1. Konzentration aller Kräfte für die Auseinandersetzung mit den Seemächten. 2. Begründung eines Imperiums jenseits des Atlantik. 3. Interessenausgleich mit allen Kontinentalstaaten auf der Basis wechselseitiger Anerkennung der "bornes naturelles", unter besonderer Berücksichtigung der Ansprüche Osterreichs, eine Antizipation der in Rastatt und Baden zwischen dem Prinzen Eugen und Villars diskutierten und von Ludwig XIV. in seinen "letzten Instruktionen" empfohlenen Politik kontinentaler Solidarität.9 Vauban wollte den Kampf gegen das Haus Habsburg beenden, um für den Kampf in Übersee gewappnet zu sein, um in Amerika zu nehmen "notre part", nämlich Kanada, das Gebiet der Mississippi-Mündung und SaintDomingue, "deux grandes monarchies", die künftig das Mutterland nach Ausdehnung, Wirtschaftskraft und politischem Gewicht übertreffen und imstande sein sollten, jeden Angriff abzuwehren sowie Frankreich in Kriegszeiten zu unterstützen, dicht bevölkerte Siedlungskolonien, von denen nach seinen Berechnungen Kanada allein bei Befolgung seines Siedlungsprogramms 1850 schon 1,6 und 1970 25 Millionen Einwohner haben würde, bei derzeit etwa 13000. 10

Vauban wußte, daß Frankreich seine hegemoniale Stellung in Europa nur behaupten konnte, wenn es eine England ebenbürtige See- und Kolonialmacht wurde, daß es eine solche Weltstellung aber nur erreichen konnte, wenn es seine Ansprüche auf dem Kontinent beschränkte. Bei dieser Interdependenz schien es ihm ausgeschlossen, die aus der "nature amphibie" Frankreichs resultierenden, oft scheinbar kontradiktorischen Interessengegensätze mit einer einseitigen Entscheidung für Kolonialpolitik oder Kontinentalpolitik zu überwinden, nach seinem Urteil nur eine Scheinlösung. Sie mußten vielmehr als unausweichlich erkannt und zu einem praktikablen, wenn auch kaum jemals spannungsfreien Ausgleich gebracht werden - eine überzeugende Kritik an dem damals generell anerkannten Prinzip unbedingter Priorität kontinentaleuropäischer Interessen als Kriterium für die Beurteilung der Möglichkeiten und Ziele französischer Politik, an der ihm inhärenten Separation der Welt in ein europäisches Staatensystem und die überseeischen Erdteile. Beide durch die "lignes des Amitiés et Alli- ances" völkerrechtlich separierten Zonen waren für Vauban politisch nur eine Welt.11 In beiden mußte Frankreich sich Geltung verschaffen. Sank es auf die Stufe einer Kontinentalmacht herab, gewann England mit dem "dominium

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