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Seine Kolonien sollten nicht Schöpfungen individueller Initiative und Leistung sein, sondern obrigkeitlicher Anordnungen, nüchternen Kalküls und kollektiver Arbeitsleistung, entworfen unter Auswertung eines umfangreichen empirischen Materials auf dem Reißbrett, realisiert von einer militärischen Befehlszentrale aus, Leistungen der "Ingenieurkunst" von mathematisch- technischer Perfektion bzw. einer dem Geist von Vaubans "corps du génie" verpflichteten militärischen Führungskunst, geplant mit derselben Gründlichkeit und Präzision, wie in seinem "traité de l'attaque des places" für die Vorbereitung des Angriffs gegen eine Festung gefordert.

Auch nach der eigentlichen Gründungsphase, der Ansiedlung der zum Verbleib in Kanada gewillten Soldaten als Hofbesitzer auf dem in kollektiver Arbeit urbar gemachten Land, sollten diese einem strengen obrigkeitlichen Regiment unterworfen bleiben, alle gleichermaßen verpflichtet zum Militärdienst, zur Zahlung von Steuern, einer "Dîme Royale" von 5%, zur Heirat und Begründung eines Hausstandes vor Vollendung des 20. Lebensjahres sowie zur Arbeit, für ihn nicht eine private Angelegenheit, sondern eine Pflicht gegenüber der Allgemeinheit und dem Staat. Niemand sollte ohne behördliche Genehmigung seinen Wohnsitz verlassen dürfen, etwa um mit Eingeborenen zu handelin, zu jagen oder Edelmetalle zu suchen. Müßiggang, Bettelei, Trunksucht und Landstreicherei wollte er mit harten Strafen ahnden.

Vauban forderte eine enge Begrenzung des Raums individueller Initiative, eine beträchtliche Ausweitung der Eingriffsrechte der Staatsgewalt in die Lebensführung der Untertanen sowie eine durch Egalisierung der Rechte und Pflichten bewirkte Nivellierung der ständischen Ordnung. Zwischen dem Staat und den Untertanen wollte er keine privilegierte, mit hoheitlichen Befugnissen ausgestattete soziale Schicht dulden, sondern nur jederzeit absetzbare, an eine "commission" gebundene Amts- und Funktionsträger. Alle Kolonisten sollten ausschließlich Untertanen des Königs sein, verpflichtet in gleicher Weise zu Arbeit, Militärdienst, Bezahlung von Steuern und Verehelichung.

Ähnliche Forderungen brachte Vauban bei seiner Kritik an den Verhältnissen in Frankreich,26 was erlaubt anzunehmen, daß er mit der durch seine Initiative eingeleiteten Entwicklung Kanadas zu einem "Nouvelle-France", nicht nur im Sinne eines neuen zweiten, sondern eines erneuerten Frankreich der Reform der politischen, sozialen und ökonomischen Ordnung des Mutterlandes kräftige Impulse vermitteln wollte - eine weitere Hilfe des neuen für das alte Frankreich neben der Lieferung von Rohstoffen und Waren sowie dem militärischen und politischen Beitrag für die Machtstellung Frankreichs in Europa und in der Welt. Kanada sollte nach Vauban also ein Vorbild, nicht ein Abbild nur "de l'administration de Louis XIV. et ses vices" sein, was es nach Tocqueville, entsprechend einer von ihm gleichsam als gesetzmäßig angesehenen Beziehung zwischen Kolonien und Mutterland, gewesen und bis

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