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MILITÄRISCHE EINWIRKUNGEN AUF DIE DEUTSCHE KOLONIALVER- WALTUNG IN AFRIKA, 1884-1918. ZIELE UND ERGEBNISSE

Von

Dr. Wolfgang Petter

Was dem Historiker Harry R. Rudin an der deutschen Kolonialherrschaft gefiel, als er sie ein Dutzend Jahre nach ihrer Aufhebung anhand einer Fallstudie über Kamerun analysierte,1 war die Ehrlichkeit bei ihrer Rechtfertigung: keine beschönigenden Sprüche à la "white man's burden" oder 'muission civilisatrice", dagegen das offene Eingeständnis der Deutschen, sich ihren Anteil an Afrika allein der Ausbeutung halber geholt zu haben. Moralische Wertungen dieses Sachverhalts müssen natürlich anders lauten, da sich die europäische Kolonialherrschaft nach dem Ersten Weltkrieg ideell von der Ausbeutung zur Treuhandschaft für die unterworfenen Afrikaner und nach dem Zweiten zu deren Vorbereitung auf die Unabhängigkeit hin entwickelt hat. Die Deutschen sind deshalb vehement verurteilt worden. Das moralisch begründete Verdikt, das Präsident Wilson am 14. Februar 1919 in Versailles verkündete - "Now, the world, expressing its conscience in law, says there is an end of that" - wurde sogar als völkerrechtliche Grundlage für die Aberkennung ihrer kolonisatorischen Qualifikation herangezogen.2 Vom Standpunkt des Historikers aus bietet die moralische Wertung, wenn sie als "historische Erkenntnis" verkauft wird, schon an sich nicht viel mehr als Stoff zu ironischen Kommentaren, etwa aus der Feder von Jean Stengers, erst recht aber erledigt sie sich, wenn man nüchtern den Interessenhintergrund darstellt, wie es Wm. Roger Louis getan hat.3 Dabei haben Rudin und Mary E. Townsend, der die Forschung ein jahrzehntelang gültiges Standardwerk verdankt,4 mit ihrer am ökonomischen Interesse orientierten Sichtweise gar nicht die ganze Wahrheit erfaßt. Ebensowenig wie die Barden des britischelund des französischen Imperialismus nur leere Phrasen gedroschen haben, fehlt dem deutschen Wirken inter paganos das idealistische Element. Am Ethos eines Albert Schweitzer läßt sich der deutsche Gesundheitsdienst in den Tropen nicht messen, wohl aber laßt sich viel Engagement für die afrikanischen Patiazten über die Pflichtgrenze hinaus nachweisen. Zahlreiche deutsche Missionare haben bewußt Leben und Gesundheit geopfert und z.B. in Kamerun 1886-1906 eine Mortalitätsquote von 22% hingenommen. Unübersehbar ist das genuin humanitäre Anliegen der Antisklavereibewegung, auch wenn sie politisch ausgenutzt worden ist. Hinter der "Schutzgewalt" stand nicht zuletzt die Tradition der europäischen Aufklärung, der Wille, "Wilde" von Mord und Totschlag, Menschenfresserei, finsterem Aberglauben und offensichtlich unvernünftigen Sitten und Bräuchen zu befreien. Die deutsche Öffentlichkeit hat nicht weniger Gewissen gezeigt als die belgische, die sich 19o4 von Sir Roger Casements Bericht über die "Congo atrocities" aufrütteln ließ, oder die französische, die sich 19o5 über die von

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