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Savorgnan de Brazza untersuchte "Affaire du Congo français" erregte: sie hat die "Kolonialskandale", an denen es nicht fehlte, scharfen Untersuchungen zugeführt und lebende Denkmäler, wie den "Conquistador" Carl Peters, aus ethischen Gründen vom Sockel gestürzt. In dem Maß, in dem die Deutschen gegen die Versailler "Kolonialschuldlüge" Sturm liefen, reduzierten sie dann ihre Erinnerung auf die altruistischen Effekte ihrer Anwesenheit in Afrika. Im Nachlaß des Generals Paul von Lettow-Vorbeck, Kommandeurs der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika während des Ersten Weltkrieges, findet sich ein bezeichnendes Dokument:5 "Soviel ich gehört habe und mich von früher erinnere," erboste sich 1952 der diplomatische Vertreter der Bundesrepublik in London bei der Lektüre einer Biographie von Feldmarschall Smuts, "ist im Gegensatz zu dieser Darstellung unsere Kolonialverwaltung ganz erstklassig gewesen. Sonst würden nicht bis zuletzt viele tausend Askaris mit Ihnen ausgehalten haben."

Eher gerechtfertigt als die moralische Wertung, ein methodisch zweifelhaftes Verfahren, erscheint eine Beurteilung vom Zielpunkt der kolonialen Ära her, wie er sich gegenwärtig darstellt: von den unabhängigen afrikanischen Staaten der Gegenwart aus. Gewisse infrastrukturelle Investitionen der deutschen Phase - etwa Verkehrsanlagen, öffentliche Bauten, land- und forstwirtschaftliche Einrichtungen, Bergbauanlagen - haben bis heute überdauert; gegen die Investitionen der Mandatszeit fallen sie jedoch ab: beispielsweise übertraf in Tanganyika die Produktion von 1925 die von 1913 bereits um das Doppelte. Im Gesundheitswesen, das die Deutschen als Glanzpunkt ihrer damaligen Entwicklungstätigkeit betrachten, sind sie von ihren Nachfolgern übertrumpft worden.6 Dennoch wird durch diese beiden objektiv korrekten Aussagen das Bild verzerrt, denn im Vergleich zu ihren alten Kolonien entwickelten die Mandatsmächte die ehemals deutschen beforzugt, um ihre Vorgänger diskriminieren und das Versailler Urteil bestätigen zu können. Wichtiger ist der zivilisatorisch-politische Komplex, aus dem sich die eigentliche Identität der meisten modernen afrikanischen Staaten ableitet. Jene Mischung von Nationalbewußtsein und Verbundenheit mit der ehemaligen Kolonialmacht, die sich an der Zugehörigkeit zum Commonwealth oder zur Communauté ausdrückt, ist erst gegen Ende der 192oer Jahre durch die Verwaltunges- und Erziehungspolitik der Mandatsmächte induziert worden: im britischen Bereich durch Indirect Rule und Localization nach den Modellen von Lord Frederick Lugard bzw. von Sir Gordon Guggisberg (einem Kanadier) und durch die Gründung des Achimota College (1927) und des Makarere Technikum (1922), im französischen durch die Herausbildung einer frankophonen, assimilierten Elite von Evolués auf der Ecole William Ponty (1913). So intensiv wurden die Afrikaner durch die Symbiose mit den Mandatsmächten geprägt, daß die Erinnerung an ein Vertrauensverhältnis zu den Deutschen höchstens unter psychologisch und sozial so ausgefallenen Bedingungen, wie sie bei den Hereros unter südafrikanischer Herrschaft bestanden, nicht ausgelöscht worden ist. In Targanyika wurdet die zurückgekehrten deutschen Siedler nach der

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