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Selassie beugte der Bedrohung vor, die von einer Fundamentalmodernisierung für seine Machtposition ausgehen mußte, und dosierte die unumgänglichen Entwicklungsschübe mit Bedacht. Die anderen Reiche waren nicht minder kulturell und ethnisch komplexe Gebilde, deren Zentrifugaltendenzen durch die brutale Gewalt abgedämmt werden mußten, von der sie geformt worden waren. Es ist kaum anzunehmen, daß sich die Trägergruppe, das etablierte und privilegierte Kriegertum, der Konkurrenz leistungsorientierter Elemente ausgesetzt hätte.10 Die Produktion von Überschüssen war keineswegs Voraussetzung staatlicher Organisation. Der afrikanische Kriegerstaat konnte auch auf der Subsistenzwirtschaft basieren, indem er rücksichtslosen Raubbau an den nichtzentralen Segmenten seiner Sozialordnung trieb: die Macht der Derwische im östlichen und der Toucouleurs im westlichen Sudan war untrennbar mit den Schrecknissen der Sklavenjagden und -karawanen verbunden. Für die positionsorientierte, wirtschaftlich auf die Sklaverei abgestützte Gesellschaft stellte der Frieden keinen Wert dar, im Gegenteil: eine Bedrohung.

Als Hauptverdienst der europäischen Fremdherrschaft über afrikanische Völker und Stämme läßt sich, wenn man die realistischen Alternativen betrachtet, die Pazifikation der besetzten Landstriche nennen. Die Deutschen befriedeten Ostafrika, wo sie die Sansibariten ausschalteten und weitere Verheerungszüge der Ngoni verhinderten, sowie Kamerun, wo sie die Adamaua- Ful in ihre Grenzen wiesen. Außerdem beendeten sie in Südwestafrika den grausamen Krieg der Erbfeinde Herero und Nama. Aus Altruismus taten sie es wie gesagt nicht, sondern in Verfolg ihrer Interessen oder durch unfreiwillige Verstrickung - dennoch aber nicht ohne den humanitären Impuls, der nach ihrem Abtritt das theoretische Leitmotiv der europäischen Kolonialpolitik abgab. "Landfriede" war ein absoluter und primärer Wert der deutschen Herrschaft. Zeitlich auf die Erlebnisspanne einer Generation und räumlich auf die Randzonen der bewohnten Erde begrenzt, hat die deutsche Kolonialherrschaft jedoch nur eine regional sehr ungleichmäßige Intensität erreicht. Der Prozeß der Herrschaftsaufrichtung kam jedenfalls bis 1914 nicht zum Abschluß. Nur zögernd hat sich der völkerrechtliche Anspruch unter teilweise schweren Kämpfen ab 1884/85 bis etwa zur Jahrhundertwende zur effektiven "Schutzgewalt" über gewisse Küstenstriche und binnenländische Enklaven in Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Neuguinea und die Marshall-Inseln verdichtet. (In einer zweiten Phase 1898/99 kamen nur noch Zwerggebiete wie Samoa, Kiautschou, die Karolinen urridie Marianen- Inseln hinzu, in einer dritten 1911 das unwirtliche Neukamerun; in den wertvollsten Zielräumen, dem Orient und Shantung, gedieh die Machtausübung nie über das Stadium des informal empire hinaus.) Zu einer stärkeren Durchdringung bestand damals kein Bedürfnis, zählen doch die ehemals deutschen Kolonien noch heute unter die armen Länder der Erde: Togo under Tansania gehören zu den strukturell ärmsten, und die anderen Nachfolgestaaten liegen, gemessen am Bruttosozialprodukt pro Einwohner, jeweils 30 - 75% unter

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