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dem Durchschnittswert der Entwicklungsländer.11 Um die Jahrhundertwende begann man jedoch die Ausbeutung zu verstärken. Angesichts der dünnen Autoritätsgrundlage, die bisher geschaffen worden war, mündete die intensivierte Penetration 19o4-o7 in die große Kolonialkrise des Deutschen Reiches. Es war wohl die spektakulärste, die eine europäische Großmacht zwischen dem Aufstand der Sepoys in Britisch-Indien 1857/58 und des Viet- Minh in Französisch-Indochina 1946 erlebt hat. In den drei Hauptkolonien wurde die deutsche Machtposition durch die Welle der Herero-, Nama-, Maji- Maji, Anyang- und Dja-Nyong-Aufstände schwer erschüttert. Aber auch nach ihrer Niederschlagung blieben weite Räume herrschaftsfrei (Neukamerun, Binnen-Neuguinea, Amboland, Caprivi-Zipfel) oder autonom (Ruanda, Urundi, Adamaua, Bornu), weil Interesse und Machtaufwand nicht ausreichten.

Paradoxerweise trat das Militär keineswegs eo ipso als Pazifikator auf. Es litt an einem Bruch innerhalb des Offizierkorps, von dem ein kleiner Teil in seine Aufgabe hineinwuchs, die Masse aber vor allem hoffte, ihre Karriere durch zweckfreie Kriegstaten zu beflügeln. Als ureigenste Aufgabe betrachtete die Schutztruppe die Verwaltungstätigkeit in den "Militärdistrikten", die ihr die Gouvernements zwecks erstmaliger Herstellung von Sicherheit lind Ordnung im deutschen Sinn oder mangels ziviler Planstellen zuwiesen. Denn der Kolonialdienst schöpfte seine Attraktivität vor allem aus der Aussicht auf Kampftätigkeit. Gelegenheiten zu kriegerischer Tätigkeit in exotischen Gebieten waren, wenn die feste Aussicht auf Wiedereingliederung in die geregelten Laufbahnverhältnisse des Reichsheeres bestanden, sehr begehrt.12 Der Schitztruppendienst in den unkontrollierten Militärdistrikten bot die Chance, einen Krieg, wenn er schon nicht herrschte, im kleinen Rahmen gegebenenfalls zum eigenen Gebrauch herbeizuprovozieren. Häufig führte der Aufenthalt in der Mitte potentieller Feinde zu Nervosität und, verbunden mit dem Bewußtsein überlegener Waffenmacht, zu der für alle Kolonialkriege typischen Überreaktion. Bezeichnenderweise fanden in Deutsch-Ostafrika 1891-1905, also zwischen der ersten Befriedung und dem großen Maji-Maji-Aufstand von 19o5, insgesamt 76 Gefechte statt, die als Kriegsdienst angerechnet wurden. In Kamerun wurden 1895-19o6 25 anerkannt. Gefechte zahlten sich aus: Duurdrift (5.1.1906), ein Sieg von mäßiger Bedeutung über den Guerillero Morenga, brachte dem Oberleutnant von Lettow-Vorbeck eine Beförderungsgutschrift von 2 Jahren ein. Gegen die Reduzierung der Militärdistrikte, die nach den großen Aufständen zum Abbau des vielbeklagten Militarismus in den deutschen Kolonien vorgenommen wurde, setzte sich das Berliner Kommando der Schutztruppen zur Wehr. Noch 1914 verlangte es, "daß die Schutztruppe an der Verwaltung beteiligt bleibt, um uns diesen interessanten Dienst zu erhalten". 13

Militärverwaltung und Buschkrieg stehen so in einem Kausalnexus zueinander, aus dem die lokalen und zentralen Kolonialverwaltungsspitzen erst nach 19o6 herausfanden. Gouverneur Seitz ging 19o8 so weit, Eingeborene durch die Erklärung einer Sperrzone vor der Kameruner Schutztruppe zu

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