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schützen. Die Gouvernements halfen sich mit verstärktem Ausbau der Polizeitruppen, die als Element der Zivilverwaltung ihnen unterstanden. Denn den lokalen Kommandeuren der Schutztruppen bot sich immer die Möglichkeit, durch die fachliche Unterstellung unter eine militärische Zentralstelle in Berlin, verantwortungsbewußte Kolonialpolitik zu unterlaufen. Das Berliner Kommando forderte die Auflösung der "zivilen' Polizeitruppen in Militärregionen, um die Gouverneire hier auszuschalten: im Sommer 1914 fanden Beratungen darüber statt.14 Schutztruppenoffiziere mit Verständnis für ihre kolonisatorische Aufgabe standen immer vor der Gefahr, daß ihnen draufgängerische Untergebene von anderem Horizont nolens volens in den Rücken fielen.

Dazu war die Moral der Offiziere keineswegs immer über alle Zweifel erhaben. Formell wurden gemäß den Vorschriften der Schutztruppenordnung von 1898 nur gut beurteilte Offiziere in die Kolonialtruppen übernommen. Wie die Beurteilungen zustande kamen, die gewissen freiwilligen Meldungen angeschlossen waren, steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt. Als offenes Geheimnis galt, daß 19o2/o3 "noch so mancher Leichtfuß Schulden halber schleunigst nach Südwestafrika befördert wurde ...",15 daß bald darauf immer noch "nicht alle Kompagniechefs nur solche Leute ziehen lassen, denen sie ehrliche Tränen nachweinten...".16 Ein durchschnittlicher Ostafrika-Leutnant war nach wohlwollendem Urteil "unausgeglichen" und nur "im Grunde solide".17 Für ehrengerichtlich behandelte oder nach den Moralbegriffen ihrer Zeit gesellschaftlich unmögliche Offiziere galten die Kolonien als angonessener Aufenthalt: Prinz Johann Albrecht von Preußen, der bürgerlich verheiratete Vetter des Kaisers, war 1907 unter Hottentotten zu finden; Major Leutwein hatte eine Ehescheidungsaffäre hinter sich, als er 1894 nach Afrika geschickt wurde, und sein Sohn folgte ihm 1903 wegen einer Frauengeschichte nach. Bekannt wurde das Verfahren bei dem debilen Kürassierleutnant Prosper Prinz von Arenberg, der wegen Soldatenmißhandlung unterzutauchen hatte und von einer unanfechtbaren Beurteilung gedeckt in die südwestafrikanische Schutz truppg0kam, wo er schließlich durch eine bestialische Mordtat auffiel. Lettow- Vorbeck entdeckte als Personalbearbeiter in Südwest 1904 "manche Namen ehemaliger Offiziere, die in Deutschland durch die Press gegangen waren und sich rehabilitieren wollten" und durften.- Im Jahr 1909 waren gegen 6 von 50 Offizieren und 16 Sanitätsoffizieren der Schutztruppe in Kamerun ehrengerichtliche Verfahren anhängig.20 Mangels solider Quellen kann hier aber keine Charakterisierung abgegeben, sondern nur eine Problematik angedeutet werden, die sich einer in Prozentsätzen und Pauschalurteilen ausgedrückten Beurteilung verschließt. Wohl nicht unzutreffend hat der Dichter Hans Grimm viele Jahre später die Absicht der Metropole beschrieben, als er die heute außerordentlich zynisch klingende Sentenz formulierte: "Es ist für ein Volk nötig, daß seine 'reinlichen' Abenteurer nicht zu Zuchthäuslern und Amokläufern werden vor lauter Verhemmtheit ... das Kolonialland ist für ein Volk nötig wie der Turnplatz in der Schule." 21

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