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Das häufige Auftreten des Militärs als Störfaktor war strukturell vorgegeben. Zu klein und zu unrentabel war das deutsche Kolonialreich, als daß der Aufbau einer eigenen Kolonialarmee und die Schaffung einer speziellen Laufbahn mit entsprechenden Spitzendienstgraden militärisch und fiskalisch vertretbar gewesen wären. Vorarbeiten dazu wurden 1909 ergebnislos abgebrochen. Deswegen herrschte unter den Offizieren der deutschen Kolonialtruppen eine starke Flukturation, die die Entstehung eines die Mehrzahl der Individuen prägenden esprit de corps und einer aufgabenbezogenen Moral unterband. Die Fluktuation ist am Beispiel der ostafrikanischen Schutztruppe, für die entsprechende Unterlagen zur Verfügung stehen, gut belegbar:22 von den insgesamt 293 aktiven Offizieren, die 1891-1918 in ihr gedient haben, blieben 44% eine und 29% zwei Verpflichtungsperioden (je 2 1/2 Jahre) im Land, d.i. 73% sahen den Schutztruppendienst eher als Abenteuer an, sofern sie ihn nicht aus gesundheitlichen Gründen hatten abbrechen müssen. Nur 12% dienten drei bis vier Verpflichtungsperioden. Da die wenigen Offiziere mit noch längerer Kolonialdienstzeit in der Regel als "hängengeblieben" zu betrachten sind, und anzunehmen ist, daß sie in der Heimat vorzeitig ausgeschieden wären, dürften sich die engagierten und qualifizierten Kolonialoffiziere im wesentlichen auf diese 12% beschränken. Darauf, daß sich die Aufgabenerfüllung im Sinn der Kolonialpolitik bei diesem Verpflichtungszeitraum optimierte, deuten die entsprechenden Daten bei den 101 vergleichbaren ostafrikanischen Sanitätsoffizieren hin, von denen 33% eine, 24% zwei, aber sogar 28% drei bis vier Dienstperioden verblieben. Besonders kurz dienten die 77o Offiziere, die nur für die Dauer des "Boxeraufstandes" 19oo/0l in die ad hoc aufgestellten, schutztruppenähnlichen Verbände des "Ostasiatischen Expeditionskorps" unter der Oberleitung des Generalfeldmarschalls Grafen von Waldersee eintraten, und die 1908, die während der Aufstände in die vorübergehend fast verzehnfachte südwestafrikanische Schutztruppe versetzt wurden. Nur ein schmaler Kern ist von der Tätigkeit in den Kolonien geprägt worden. Diese Offiziere übertrafen die Kolonialbeamten, in deren Kreis eine noch stärkere Fluktuation herrschte, an Erfahrung bei weitem. Hinzu kam, daß sich die administrativ und juristisch ausgebildeten Beamten vorzugsweise den Weißen als Verwaltungsobjekten zuwenden mußten, während sich die Soldaten den Farbigen widmeten, unter denen sie mit den berufsspezifischen Grundsätzen praktischer Menschenführung auskamen. Jene "alten Afrikaner" sind als das eigentliche Kolonialoffizierkorps anzusehen. Doch entziehen sich die Verhältnisse auch hier einer exakten Quantifizierung, da namentlich im Zug der Umwandlung von Militärdistrikten in Zivilbezirke eine Reihe mit ihrer Aufgabe verwachsener Schutztruppenoffiziere in die Bürokratie übertraten. Diese Doppelgruppe von militärischem und zivilem Status, aber militärischer Herkunft, war am besten in der Lage das Verwaltungsziel der deutschen Kolonialpolitik zu erreichen: zugunsten des wirtschaftlichen Fortkommens der Weißen Druck auf die Eingeborenen auszuüben, bis zur Grenze der Belastbarkeit und bis knapp vor den Beginn von Widerstand, dessen Brechung unverhältnismäßige Mittel erforderte.

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