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Opposition, die diese Form der Kolonialpolitik im Reichstag fand, wurde das Ganze als eine Art Kreuzzug gegen die Sklaverei ausgegeben. Die logistische Führung in der Heimat übernahm Liebert. Zur Überprüfung abfälliger Kritiken und um Unterlagen für die parlamentarische Vertretung der Ostafrika-Politik zu sammeln, für die er bei seinen politischen Verbindungen vom Reichskanzler in Aussicht genommen war, ließ Liebert sich überdies auf Dienstreise an Ort und Stelle entsenden. Hier scheinen die beiden Offiziere zu intensiv und durchsichtig über einen urautorisierten Handstreich auf das britische Semiprotektorat Sansibar konspiriert zu haben,35 denn Liebert wurde nach Rükkehr und Bericht brüsk von allen Dienststellungen enthoben, während sich Wissmann als künftiger Gouverneur disqualifiziert sah. Seine Abberufung befreite die Truppe von dem Einzigen, der sie fest in der Hand gehabt hatte; auch ihre Umwandlung aus einer Wissmannschen Privatarmee in reguläres deutsches Militär, die "Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika", änderte nichts an der disziplinlosigkeit der Offiziere; sie begann, nach Gutdünken Krieg zu führen. Ihre Operationen endeten mit der Niederlage von LulaRugaro, wo die Hehe am 17. August 1891 ihren vierten Teil vernichteten. Nach dieser Katastrophe und weiteren Schlappen, die der mangelnden Autorität des Zivilgouvernements angelastet wurde, trat mit umfangreichen Vollmachten der Oberst Friedrich von Schele an die Spitze der Kolonie. Er bändigte zwar die Schutztruppe, sorgte auch durch klug angelegte Feldzüge für Frieden, begann jedoch ein romantisches Ansiedlungsprogramm für Mittelbauern in die Tat umzusetzen und das Investitionskapital abzuschrecken. "Böses Blut machte die Vielregiererei der Offiziere", hieß es bei der zuständigen Heimatbehörde, "die schließlich alle Farbigen zwangen, vor jedem Weißen militärisch Front zu machen, mit einem Schlage die Hunde in den Küstenplätzen von den Straßen vertreiben wollten, und kein Hehl daraus machten, daß sie Kaufleute nur als notwendiges Übel ansahen." 36

Nachdem Scheles Nachfolger, der kranke und demoralisierte Wissmann, kolonisatorisch nicht minder versagt hatte, gelang es der pressure group - unter Umgehung des Leiters der Kolonialpolitik auf dem Militärdienstweg -, ihren Anführer selbst als Gouverneur nach Ostafrika zu lancieren. Das war gut für die Karriere des Oberst Liebert, der den Generalmajor und den Adel bekam, nicht aber für die Entwicklung der Kolonie, denn im rassistischen Dünkel des fanatischen Alldeutschen sprach Liebert den Eingeborenen die Fähigkeit zu wirtschaftlichem Fortschritt a priori ab. Sein Ziel war es, Ostafrika in ein white man's land zu verwandeln. Er wollte deutsche Siedler ins Land ziehend und ihnen Vermarktungsmöglichkeiten durch eine Eisenbahnlinie schaffen, womit er die objectiven Möglichkeiten und Bedürfnisse der Kolonie restlos verkannte. Anfang 1897 trat der neue Gouverneur an seine Aufgabe mit dem naiven Enthusiasmus dessen heran, der glaubt, daß seine Vorgänger lediglich nicht die richtigen Kommandos zur Durchführung des Selbstverständlichen gebraucht hätten. Zuerst befahl er, als Voraussetzung für zivilen Handel und militärische Mobilität, die Verkehrsverhältnisse zu verbessern; da dies aus Geldmangel mit 37

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