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Zwangsarbeit ge" schah, hatte er sofort den Krieg in der Kolonie, deren Produktivität um 15% fiel. Um den Geldmangel zu beheben, befahl er daraufhin, die Hüttensteuer nur in bar einzutreiben,38 was - im Hungerjahr 1899, in dem die Produktivität um weitere 9% fiel - blutige Unruhen hervorrief und die "Erschließungs" -Kosten der Kolonie schlagartig um 22,5% anschwellen ließ.39 Unsicher geworden und schwankend in seinen Entscheidungen, verlor Liebert die Kontrolle über den Verwaltungsapparat; die zivilen Ressortchefs wuchsen ihm über den Kopf. Er half sich mit der Methode "divide et impera", griff sich den Referenten und Richter von Daressalam Dr. Wilhelm Solf, den späteren Staatssekretär des Reichskolonialamts, heraus und hörte häufig auf seine Ratschläge.40 Seine eigene Kraft widmete der Gouverneur, in eskapistische Ersatzhandlungen ausweichend, der geheimen Verstärkung der Schutztruppe mit parlamentarisch nicht ontrollierten Mitteln der Kolonie, um gegebenenfalls überraschend in Mocambique einmarschieren zu können.41 Auf die Dauer ließen sich jedoch Fehler und Unsicherheiten weder durch Hervorhebung des Militärstandpunkts noch durch Opportunismus - so in der Frage der Landkonzession an die Monopolgesellschaft Deuss42 - vertuschen. Im Herbst 19oo mußte Liebert zurücktreten, ein halbes Jahr privatisieren und nach einem kurzen Divisionskommando den Dienst quittieren. Deutsch-Ostafrika stagnierte während seiner Amtszeit. 43

Deutsch-Südwestafrika hatte 1894 nach einem Jahrzehnt Kolonialherrschaft und Spekulation auf Bodenschätze so gut wie keinen Ertrag erbracht, umgekehrt aber dank des Tatendrangs der Familie François, die an der Spitze der 1889 entsandten Interventionstruppe mit den Eingeborenen scharmützelte, Kosten vom 69-fachen Umfang verursacht.44 Lieberts Einfluß sorgte dafür, daß sich der unumgängliche Personalaustausch innerhalb seiner Klientel vollzog.45 Major Leutwein, der neue Gouverneur, entwickelte aufgrund seiner Beobachtung von Land und Leuten ein neues, symbiotisches Wirtschaftsund Sozialsystem.46 Er hatte festgestellt, daß die halbnomadischen Herero aus sozialen und kultischen Gründen viel mehr Großvieh hielten, als sie zum Lebensunterhalt benötigten. Diesen Überschuß beschloß Leutwein abzuschöpfen und überführte einen Großteil der von ihnen beanspruchten Transhumanz-Weidegründe in deutsches Eigentum. Diese Umverteilung zog Farmer ins Land, deren internationale Konkurrenzfähigkeit bei der Armut Südwestafrikas aber davon abhing, daß die Arbeitslöhne weit unter dem Weltniveau lagen. Die Herero sollten daher auf ihrem Restbesitz genügend Mittel zur Subsistenzwirtschaft finden und ihre ökonomisch redundanten Bedürfnisse durch Arbeit bei den Weißen decken. Da der Gouverneur die viehwirtschaftliche Kapazität der Kolonie für begrenzt hielt,47 schränkte er den wirtschaftlich unporuktiven Sektor Militär nach Kräften ein: "Es hat sich wohl selten ein Offizier so phantasiereich gegen eine Verstärkung seiner Truppen gewandt wie Leutwein...".48 Geschickt zwischen Gewalt und Verbindlichkeit wechselnd, fesselte er die Häuptlinge an die deutschen Interessen. In dieser Konstellation sah er die Garantie für das Wohlverhalten der Eingeborenen, von

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