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Zimmermann, der Kommandeur in Kamerun, identifizierte sich völlig damit. Oberstleutnant Viktor Franke, seit November 1914 Kommandeur in Südwest, neigte zum Angriff auf die von einem Burenaufstand geschüttelte Südafrikanische Union,53 beugte sich aber und erfocht eine für die Nachkriegsverhältnisse günstige Kapitulation. Die Ernennung des Oberstleutnants Paul von Lettow-Vorbeck zum Kommandeur in Ostafrika, eines als einseitig militärisch geprägte Persönlichkeit wohlbekannten Offiziers - der noch an seinem Lebensabend gute Worte für den Herero-Genozid seines Mentors, des verfemten Generalleutnants Lothar von Trotha fand54-, konnte das Reichskolonialamt nicht verhindern, sondern lediglich drei Jahre lang bis Frühjahr 1914 verschleppen. Für Lettow-Vorbeck stand die rein militärische, keine Rücksicht auf die Kolonie selbst nehmende Lösung außer Frage: er war entschlossen, im Kriegsfall eine Höchstzahl gegnerischer Kräfte in Ostafrika zu binden, um die Heimatfront zu entlasten; eine deutsche Offensive vom ersten Kriegstag an sollte dem Gegier die Diversion sogar aufzwingen. Das Kommando der Schutztruppe drückte sich um eine eindeutige Stellungnahme.55 Der Gouverneur, Dr. Heinrich Schnee, widersetzte sich bis Herbst 1917 Lettow- Vorbecks Grundgedanken, nicht das Schutzgebiet, sondern die Schutztruppe zu verteidigen und alle Kräfte Deutsch-Ostafrikas für diesen Zweck zu mobilisieren. Da der vorgesetzte zivile Gouverneur dem militärischen Kommandeur nur Rahmenweisungen erteilen, nicht aber seine Operationen beeinflussen durfte, konnte der bedeutende Soldat Lettow-Vorbeck seine Absicht durch Herbeiführen von Sachzwängen ungerührt verwirklichen. Schnee vermochte nicht mehr, als einen Prozeß nach Kriegsende anzudrohen. Umgekehrt wurde in der Schutztruppe über einen Putsch durch die Anklage Schnees als Hochverräter im Sinne des Militärstrafgesetzbuchs konspiriert,57 um frei von allen kolonisatorischen Skrupeln Krieg führen zu können. 56

Nach Erschöpfung der deutsch-ostafrikanischen Ressourcen brach die Schutztruppe im Oktober 1917 nach Mocambique und Rhodesien durch. Auf dieser Basis behauptete sie sich noch bis Kriegsende gegen das südafrikanisch- indische Expeditionskorps. Trotz krasser und permanenter Funktionsverfehlung im inneren Widerspruch zu einer konstruktiven Kolonialpolitik ist General von Lettow Vorbeck dadurch zur Symbolfigur der deutschen Kolonialgeschichte aufgestiegen. Dies war nicht nur seine Leistung. Gouverneur Schnee, der von der militärfrömmigkeit des kaiserlichen Deutschland nicht infiziert war, weigerte sich, dem Militär die Vollziehende Gewalt zu übertragen, die der Kommandeur zur Zusammenfassung aller Kräfte forderte. So entging die Kolonie dem Chaos. Gegen seinen Willen und Ansrpuch wurde Lettow-Vorbeck vor der Verantwortung für die Kolonialadministration bewahrt, die den anderen Troupiers auf Gouverneursposten und ihren Schutzbefohlenen so verderblich geworden ist.

Dr. Wolfgang Petter Militärgeschichtliches Forschungsamt Freiburg i. Br.

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