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Stückes „Kreuzigung“: 7

Wie das schlichte Wandervogelmädchen Hannah Grotendiek das endlose Mutterweinen rhythmisch und klanglich bewältigte, ist mir immer unbegreiflich gewesen. Es war ein verzweifelter Menschenkampf gegen dämonische Gewalten ...

Zu den „dämonischen Gewalten“, von denen Schreyer hier spricht, ist folgendes anzumerken: Zwei weitere Kampfbühne-Mitarbeiter, also enge Bekannte von Hanka, nämlich Lavinia Scholz und Walter Holdt, hatten, wie auch von Schreyer beschrieben wird, eine außerordentlich problematische persönliche Beziehung, die schließlich in einem gemeinsamen Selbstmord (oder einem Mord mit anschließenden Selbstmord) endete. Hanka Grothendieck hat diese Episode in ihr Buch aufgenommen, allerdings beträchtlich umgestaltet – bisher der einzige Fall, wo sich ein Abweichen von dem historischen Geschehen nachweisen lässt. Tatsächlich enthält EF manches für die Theatergeschichte sicher interessante Detail über das Wirken und die Persönlichkeit Schreyers, zu dem Hanka anscheinend ein gutes Verhältnis hatte, und seiner Kampfbühne um 1920.

    Über das Leben von Lavinia Scholz, das in der erwähnten Katastrophe endete, berichtet ausführlich das in der letzten Fußnote erwähnte Buch von Athina Chadnis. Nach dem Ausscheiden von Lavinia Scholz, der wichtigsten Schauspielerin der Kampfbühne, beendete Schreyer das Experiment Kampfbühne. Kurze Zeit später wurde er in Dessau am Bauhaus Meister und Leiter der Bühnenklasse. Es scheint, dass danach Schreyer und Hanka Grothendieck sich nicht mehr begegnet sind.

    Es verdient auch festgehalten zu werden, dass es unter Mitwirkung von Hanka zu einer Aufführung der Kampfbühne in Berlin kam, die auf eine Einladung von Herwarth Walden zurückging. Hanka erhielt ein Honorar von 300 Mark und überlegte, ob sie von diesem Geld ein kleines gerade ausgestelltes Gemälde von Paul Klee kaufen sollte. (Herwarth Walden, eine zentrale Persönlichkeit des deutschen Expressionismus in allen seinen Facetten, fungierte als „Agent“ und Galerist für Klee.)

Betrachtet man als Außenstehender Hankas Situation zu diesem Zeitpunkt, so lässt sich durchaus eine Perspektive für ihr Leben

7  Lothar Schreyer: Expressionistisches Theater, Toth, Hamburg 1948;  Lothar Schreyer: Erinnerungen an Sturm und Bauhaus, Langen-Müller, München 1956;  Athina Chadnis: Die expressionistischen Maskentänzer Lavinia Schulz und Walter Holdt, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt 1998. A. Chadnis verdanke ich auch den Hinweis auf das Manuskript im Nachlass Lothar Schreier.

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