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sehen. Sie ist jung, begabt, vielleicht auch attraktiv, jedenfalls sehr selbstbewusst, sie hat erste Erfolge als Schauspielerin, sie hat die Bekanntschaft bedeutender und einflussreicher Persönlichkeiten gemacht, sie hat sogar ein Lebensziel, nämlich Schriftstellerin zu werden. Sie ist mit der wichtigsten Kunstrichtung dieser Zeit, dem Expressionismus, näher bekannt geworden, etwas das für ihre eigene künstlerische Entwicklung als Schriftstellerin von Bedeutung ist. Und das alles zu einem Zeitpunkt, da das kulturelle Leben – gerade in Berlin – einen gewaltigen Aufschwung nehmen wird. Man könnte schon sagen: Sie ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In „Eine Frau“ konstatiert sie:

Sie fängt an, unter der Hamburger intellektuellen Jugend bekannt zu werden: Pranger, Prolet-Kult – manche mögen sogar von der Kampfbühne was läuten gehört haben.

Im Nachhinein erscheint es jedoch auch so, dass genau in dieser Zeit ihr Leben eine unglückliche, geradezu tragische Wende nimmt und in ein Chaos führt, das sie niemals bewältigen konnte.

In diesem Umfeld, das durch avantgardistische künstlerische Bestrebungen ebenso gekennzeichnet ist wie durch die reformerischen Veranstaltungen der Fichte-Hochschule, in zahllosen Diskussionszirkeln junger Leute, in der Wandervogel-Bewegung, aber auch vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise nach dem Weltkrieg, die zu Verarmung weiter Bevölkerungsschichten, auch ihrer eigenen Angehörigen, geführt hatte, kommt Hannah Grothendieck (wie sie sich damals nannte) mit anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen Kreisen in Berührung.

    Vielleicht spielt bei ihrer nächsten Station auch der Zufall eine große Rolle. Jedenfalls beschreibt sie in EF, wie ihr Bruder ihr eines Tages eine Ausgabe der Wochenzeitung „Der Pranger“ zeigt, eine in den Jahren 1920/21 erscheinende Hamburger Wochenzeitung, das „Organ der Hamburger Kontrollmädchen“, der Prostituierten von Altona und St. Pauli. (Das Wort „Kontrollmädchen“ bezieht sich auf die Tatsache, dass die Prostituierten der Kontrolle der Behörden und der Polizei unterstanden.)

    Hanka ist sogleich Feuer und Flamme und findet ein neues Betätigungsfeld. Sie entschließt sich sofort, bei dieser Zeitung als Redakteurin (und tatsächlich „Mädchen für alles“) mitzuwirken. Die Artikel dieser Zeitung sind nicht namentlich gekennzeichnet, es sei denn sie wurden von Prominenten wie der bekannten Kommunistin Ketty Guttmann oder dem Nervenarzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld verfasst. Es dürfte deshalb schwierig (aber vielleicht nicht unmöglich) sein, heraus zu finden, was eventuell von Hannah Grothendieck verfasst wurde.

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