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    Wie nicht anders zu erwarten, erscheinen die Beiträge in diesem Blatt aus heutiger Sicht alles in allem sehr zeitgebunden, und bei mancher Zeile kann man sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Ein ernsthaftes, manchmal zweifellos naives, aber sympathisches Bemühen um die Verbesserung der sozialen und menschlichen Lage der Prostituierten ist dominierend. Typische Überschriften der Beiträge sind etwa folgende: Gesundheitliches, Intimitäten aus dem Freudenhaus, Ich klage an, Was ist ein Zuhälter, Die Befreiung der Prostituierten, Weiße Sklaverei, Heimliche Prostitution, Der Mädchenhandel blüht!, Das Arbeitsamt züchtet Dirnen, Fruchtabtreibung oder Schwangerschaftsverhütung, usw. Es ist ein wenig grotesk, dass die trotz ihres Wanderlebens und einiger erotischer Eskapaden immer noch recht unerfahrene (Jung-)Frau hier als Ratgeberin der zweifellos sehr viel abgebrühteren Prostituierten auftritt.

    In dieser Zeitung findet sich die einzige bisher nachweisbare Veröffentlichung von Hanka Grothendieck, das Gedicht „Großstadtnächtliches“, das zur Beschlagnahme der Ausgabe und zu einem Gerichtsprozess führte (der schließlich in einem Freispruch endete).  Es ist am Ende dieses Kapitels abgedruckt. Beim Lesen, möge man sich daran erinnern, dass es von einer Neunzehn- oder Zwanzigjährigen geschrieben wurde.

    In einem weiteren Gerichtsverfahren gegen den Pranger könnte Hanka eine für das Leben ihres späteren Sohnes entscheidende  Bekanntschaft gemacht haben. In Nr. 28 des Jahrganges 1920 des Prangers wird über die Verhandlung berichtet, und es heißt dort:

Nachdem sich eine so bedeutende ethische Kapazität wie Pastor Heydorn im gleichen Sinne [nämlich im Sinn der Zeugen der Verteidigung] geäußert hatte, wurde die Beweisaufnahme als geschlossen erkannt.

Dieser Pastor Heydorn wird uns in späteren Kapiteln wieder begegnen; er hat im Leben von Alexander Grothendieck eine ganz wesentliche Rolle gespielt.

    Durch ihre Arbeit am „Pranger“ kommt Hanka Grothendieck viel mehr als bis dahin in ihrem Leben mit den unteren und untersten Gesellschaftsschichten, mit Arbeitern, mit Arbeitslosen, dem städtischen Proletariat, mit Prostituierten und Zuhältern, entlassenen Strafgefangenen, mit den Problemen von Alkoholismus, häuslicher Gewalt, unerwünschten Schwangerschaften, Krankheiten, Wohnungslosigkeit, mit dem ganzen sozialen Elend dieser Zeit in Berührung, zugleich aber auch mit überzeugten Kommunisten und Anarchisten, die ihre Anhängerschaft in diesen Schichten suchen und finden. Der „Pranger“ bietet für diese Menschen eine Art Beratung an, und Hanka schreibt zum Beispiel für Prostituierte oder Straffällige Briefe an Behörden und dergleichen.

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