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Motorkutter geklaut, um nach Südamerika durchzubrennen. Das Unternehmen scheiterte nach wenigen Tagen im Sturm und mit Motorschaden vor der dänischen Küste. Er wurde in Dänemark verhaftet, kam vor Gericht, verteidigte sich selbst mit großartigen Reden und wurde zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, die im wesentlichen durch die Untersuchungshaft abgegolten waren. Das ganze wird als eine einzige Sauftour und Verbrüderung aller Beteiligten geschildert. Und Raddatz meinte, „Seeraub“ mache sich in einem Lebenslauf doch zweifellos viel besser als einfacher Diebstahl.

     Hanka und Alf leben bald zusammen – in entsetzlicher Armut. Mit teilweise etwas skurrilen Gelegenheitsarbeiten – sie schreiben zum Beispiel graphologische Gutachten –, mit Veruntreuungen, Zechprellerei, kleineren Diebstählen – vor allem von Zigaretten – halten sie sich über Wasser. Im elterlichen Haushalt lassen sie Wäsche aus der Aussteuer der Mutter mitgehen und versetzen sie im Pfandhaus, sie klauen Briketts und tragen sie im Rucksack durch halb Hamburg in die eigene kärgliche Wohnung. Hankas Gelderwerb kommt öfter in bedenkliche Nähe zur Prostitution. Nach einer größeren Unterschlagung im Freundeskreis kann Raddatz sich in Hamburg nicht mehr sehen lassen. Beide reisen völlig mittellos zu Verwandten und Bekannten nach Hannover und Bremen. Sie haben die verwegene Idee, in niedersächsischen Kleinstädten Hermann-Löns-Lesungen zu veranstalten. Natürlich kommt niemand, sie bleiben auf der Saalmiete sitzen und müssen fluchtartig verschwinden. Immer wieder gelingt es Hanka, irgend jemand zu finden, der als „wahrer Kavalier“ ihre Hotelrechnung bezahlt. Schließlich sind sie wieder in Hamburg. All dies wird in „Eine Frau“ in faszinierender Weise geschildert.

    Vor allem die nackte Armut weiter Bevölkerungsschichten in dieser Zeit kann man sich heute kaum noch vorstellen: Zucker wird viertelpfundweise eingekauft, und wenn Hanka im Haushalt ihrer Mutter eine Mahlzeit mit zwei Spiegeleiern erhält, hat sie das Gefühl, dass sie jetzt wieder zwei weitere Tage überleben kann. Das Verhältnis zu den Eltern, die den Nichtstuer Raddatz entschieden ablehnen, vor allem zu dem Vater, ist äußerst gespannt.

    Eigentlich sind Hanka und Raddatz beide Anhänger der „freien Liebe“, aber sie heiraten dann doch (vielleicht aus reinem Trotz) am 18.5.1922 in Hamburg. Dann wird Hanka schwanger; ein Sohn (in EF „Alf“ genannt) wird geboren und stirbt nach neun Tagen. Die Schilderung dieser neun Tage gehört zu den eindrucksvollsten und bedrückendsten des ganzen Buches „Eine Frau“. Sie ist dermaßen realistisch, dass man sie sich kaum als ein Produkt der künstlerischen Phantasie Hankas vorstellen kann, sondern annehmen muss, dass sie auf wirklichen Erlebnissen beruht. Allerdings wussten die wenigen noch lebenden Personen, die Hanka

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