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noch gekannt haben, nichts von diesem Kind.

    Um diese Zeit geht der „Pranger“ ein, und Hanka muss sich neue Beschäftigungen suchen. Unterstützt von einem Nachtclub-Besitzer gründet sie mit Raddatz ein „Literarisches Kabinett“, in dem zeitweise sogar Claire Waldorff auftritt (eigens dafür mit Zofe, Hündchen und Portwein aus Berlin anreisend). Sie versucht sich in Arzt-Praxen als Aquisiteurin für eine medizinische Fachzeitschrift. Ihr Vater gewinnt nach vielen Jahren den schon erwähnten Schadensersatz-Prozess und kann sich ein Siedlungshäuschen in Fuhlsbüttel  kaufen, das gelegentlich zur letzten Fluchtmöglichkeit wird. Zugleich verliert er die Konzession für die Schuhputzstände (die zur Zeit der Hochinflation wegen der Trinkgelder ausländischer Reisender in Devisen eine Goldgrube war) und muss als angestellter Schuhputzer arbeiten.

    Am 24.1.1924 wird in der Hamburger Wohnung des Ehepaares Raddatz eine Tochter Frode (in der Familie immer nur „Maidi“ genannt) geboren. Wieder kommt es bei der Geburt zu dramatischen Ereignissen, die in „Eine Frau“ in höchst beklemmender und eindrücklicher Weise geschildert werden. Es gibt Schwierigkeiten mit der Nachgeburt, die Hebamme kann nicht helfen und Stunden vergehen, bis der verzweifelt in der Stadt umherirrende Raddatz einen Arzt findet. Als dieser endlich da ist, will er die inzwischen halb besinnungslose Frau schon aufgeben; Raddatz zwingt ihn, alles zu versuchen, und Hanka wird gerettet 10.

    Der soziale Abstieg setzt sich fort (soweit das überhaupt noch möglich ist). Zu Fuß wandern sie mit Baby und Kinderwagen von Hamburg nach Berlin, betteln und sind dankbar, wenn sie einmal in einer leeren Gefängniszelle übernachten können. Glücklicherweise finden Hanka – und wohl gelegentlich auch Raddatz – Arbeit als freie Mitarbeiter bei der Tageszeitung „Welt am Montag“. Maidi wird nach einiger Zeit bei den Großeltern untergebracht, die in trüber Stimmung am 23.2.1925 ihre Silberhochzeit feiern.

    In Berlin leben beide von der Hand in den Mund, ist einmal Geld in der Tasche – woher auch immer – wird es sogleich in der sinnlosesten Weise ausgegeben, sie verkehren in Künstlerkreisen, haben Kontakte zu anarchistischen Bewegungen, nehmen alte Bekanntschaften wieder auf und machen neue. Es ist ein elendes Leben in trostlosen möblierten Zimmern oder feuchten Kellerräumen, ein Leben, das wenig Höhen und viele Tiefen kennt. Mehrere Abtreibungen werden erforderlich; mal trennen sie sich, dann leben sie wieder zusammen. Es gibt nur zwei Konstanten: die bedrückende unausweichliche Armut und ein unerschütterlicher Hochmut, der sie jede geregelte Arbeit, jede bürgerliche Lebensweise

10   Auf diesen Tag scheint auch ein erheblicher Teil des Zerwürfnisses mit der Familie zurück zu gehen. ...

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