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Versucht man, etwas über das Leben von Grothendiecks Vater aufzuschreiben, so gerät man schon beim allerersten Satz, schon bei der Überschrift ins Stocken: Nicht einmal sein Name, geschweige denn Geburts- und Todesdatum sind mit Sicherheit bekannt. Sein Vorname ist Alexander, alle Freunde und Bekannte nannten ihn Sascha – das steht fest, doch dann beginnt der Zweifel und die Ungewissheit.

    Angeblich hat Grothendieck gegenüber Pierre Cartier geäußert, der Familienname des Vaters sei Schapiro gewesen (Shapiro in englischer oder französischer Schreibweise) 11. An sich besteht kein Grund, diese Angabe zu bezweifeln. Andererseits scheint es aber, dass alle Erwähnungen des Namens Schapiro in irgend einer Weise auf diese Mitteilung seines Sohnes zurückgehen und dass eine davon unabhängige Quelle dafür nicht existiert (wenn man davon absieht, dass die erste Frau von Grothendiecks Vater offenbar Sapiro oder ähnlich hieß). Auch kommt der Name Schapiro kein einziges Mal in den schriftlichen Aufzeichnungen Grothendiecks vor (genau so wenig wie der Familienname seiner Mutter). In „Eine Frau“ wird gesagt, dass kurz vor seiner Flucht aus Russland Sascha sich gefälschte Papiere mit einem neuen Namen beschafft habe. Wörtlich heißt es dort (Teil V, S. 169?):

....

Fest steht jedenfalls, dass Sascha seit Anfang der zwanziger Jahre unter dem Namen Alexander Tanaroff gelebt hat. Die Konfusion wird noch größer, wenn man erfährt, dass er in der anarchistischen Bewegung unter dem Namen Sascha Pjotr (Piotr) bekannt war und außerdem gelegentlich den Decknamen Sergej benutzte; das wird in EF einmal kurz erwähnt und von Grothendieck bestätigt. Es trägt auch kaum zur Aufklärung der Frage des richtigen Namens bei, dass Sascha selbst gegenüber den Berliner Behörden den Namen seiner Mutter als Marie Tanaroff angegeben hat; das könnte richtig und genau so gut auch falsch sein. Bei dem Namen Tanaroff ist es dann geblieben; als Alexander Tanaroff wurde Grothendiecks Vater nach Auschwitz deportiert, und als Alexander Tanaroff ist er dort gestorben.

    Wir werden Grothendiecks Vater in diesem Buch der Einfachheit halber „Sascha“ nennen, so wie ihn seine Freunde genannt haben.

Das wenige, was wir über Sascha, sein Leben und seine Persönlichkeit wissen, stammt aus drei (keineswegs von einander unabhängigen) Quellen: Vor allem spielt er eine bedeutende Rolle

11  Vgl. P. Cartier, A mad day's work: from Grothendieck to Connes and Kontsevich,  Bull. Am. Math. Soc. 38, 389-408.  Dieser Aufsatz enthält einige biographische Informationen, die nicht alle korrekt sind.

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