X hits on this document

490 views

0 shares

0 downloads

0 comments

2 / 88

    Diese Biographie entstand aus einem ursprünglich bescheideneren Projekt. Ich hatte den autobiographischen Roman „Eine Frau“ von Grothendiecks Mutter Hanka gelesen und wollte den biographischen, zeitgeschichtlichen und literarischen Hintergrund dieses Buches aufklären. Zwangsläufig führte dies sehr bald auch zur Beschäftigung mit Grothendiecks Leben, vor allem seiner Jugend. Dabei stellte ich sehr bald fest, dass die in Zeitschriften-Aufsätzen, Büchern und im Internet verstreuten Informationen zahlreiche Unklarheiten, Widersprüche und damit auch Fehler enthalten. Es ging mir also zunächst darum, diese Ungereimtheiten möglichst weitgehend aufzuklären. Dazu befragte ich Zeitzeugen und versuchte an einschlägige schriftliche Dokumente, wie Briefe, Fotografien oder persönliche Aufzeichnungen zu gelangen.

    Auch wenn man sich nur ganz oberflächlich mit Grothendiecks Leben beschäftigt, so stößt man unweigerlich sofort auch auf andere menschliche Schicksale, die so abenteuerlich und einmalig sind, wie nur das Leben selbst sie erfinden kann. All das, was ich las und erfuhr, faszinierte mich immer mehr, und ohne dass ich das ursprünglich beabsichtigt hatte, wuchsen sich die begonnenen kleineren Projekte zur Arbeit an einer Biographie von Grothendieck selbst aus.

    Dabei war mir von Anfang an bewusst, wie problematisch die Arbeit an einer Biographie Grothendiecks ist und dass sie Fragen aufwirft, die nicht leicht zu beantworten sind: Seit mehr als zwölf Jahren lebt Grothendieck in selbst gewählter Zurückgezogenheit, fast ohne jeden Kontakt zu anderen Menschen. Die Beziehungen zu den eigenen Angehörigen, zu Freunden und Bekannten, zu früheren Kollegen und Schülern hat er vollständig abgebrochen. Ist es da erlaubt, überhaupt biographisches Material über ihn zu sammeln, zusammen zu stellen und bekannt zu machen? Ganz gewiss wird man über eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte von seiner Bedeutung ein wenig schreiben dürfen, etwa einen Zeitungsartikel oder eine kurze Biographie in einem Gedenkband. Aber wo liegt die Grenze, wie weit darf man in die Tiefe und in die Breite gehen?

    Wie ist es mit der Biographie seiner Eltern? Beide sind vor vielen Jahrzehnten gestorben. Persönliche Erinnerungen an sie sind fast vollständig erloschen; biographisches Material ist nur noch wenig und mit Mühe zu finden. Grothendieck selbst hat den Briefwechsel seiner Eltern und viele andere Dokumente dieser Art vernichtet, offenbar ganz bewusst. Man kann den Eindruck haben, dass er wünschte, ihr Leben dem endgültigen Vergessen zu übergeben. Gibt es so etwas wie eine „spirituelle“ Totenruhe? Wie und in welcher Ausführlichkeit darf und soll man ihr Leben darstellen?

Document info
Document views490
Page views491
Page last viewedSun Dec 04 19:06:32 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments