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Meine Mutter ist eine sehr kluge Frau, erzählt Sascha. Mein Vater nannte sie oftmals die Hexe. [...] Er sagte so, weil oftmals ist eine Sache so herausgekommen, wie sie vorausgesagt hatte; das war gar keine Hexerei, sie hat nur klar gesehen und geurteilt. Er hat sie sehr hoch geachtet. Aber ich glaube, sie haben nicht sehr glücklich gelebt miteinander. Zu mir hat gesagt meine Mutter manchesmal: Wenn ich wüßte, daß Du wirst Deiner Frau soviel Kummer machen wie Dein Vater mir, dann will ich Dich lieber als Kleinen begraben.  

Das klingt wie eine Ankündigung der Beziehung zwischen Hanka und Sascha.

    Wir lassen jetzt zunächst Grothendieck selbst zu Wort kommen und zitieren leicht gekürzt aus CdS, S. 81 ff., auch wenn wir dabei späteren Kapiteln schon etwas vorgreifen:

Mein Vater stammte aus einer frommen jüdischen Familie in Novozybkov, einer kleinen jüdischen Stadt in der Ukraine. Einer seiner Großväter war sogar Rabbiner gewesen. Dennoch scheint die Religion keinen tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, nicht einmal in seiner Kindheit. Schon sehr früh fühlte er sich solidarisch mit den Bauern und kleinen Leuten, mehr als mit seiner eigenen Familie, die dem Mittelstand angehörte (**). Im Alter von vierzehn Jahren sucht er das Weite, um sich einer Gruppe von Anarchisten anzuschließen, die durch das Land zogen, zur Revolution aufriefen, von der Aufteilung des Grundbesitzes und des Eigentums und der Freiheit der Menschen sprachen – alles was ein weites und kühnes Herz bewegt! Das war im zaristischen Russland, im Jahr 1904. Und bis an das Ende seines Lebens – allem und jedem zum Trotz – sah er sich selbst als „Sascha Piotr“ ( das war sein Name in der „Bewegung“), als Anarchist und Revolutionär, dessen Mission es war, die Weltrevolution vorzubereiten, zur Befreiung aller Völker.

    Zwei Jahre lang teilte er das wilde Leben der Gruppe, der er sich angeschlossen hatte. Dann wird er – umzingelt von den Regierungstruppen – nach einem erbitterten Gefecht mit allen seinen Kameraden gefangen genommen. Sie alle werden zum Tode verurteilt, und alle bis auf ihn werden exekutiert. Drei Wochen lang wartet er Tag für Tag auf das Erschießungskommando. Schließlich wird er wegen seiner Jugend begnadigt und seine Strafe in lebenslängliche Haft umgewandelt. Er bleibt elf Jahre lang im Zuchthaus, von seinem sechzehnten bis zu seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr, eine von dramatischen Fluchtversuchen, Revolten und Hungerstreik gekennzeichnete Haft ... 1917 wird er durch die Revolution befreit, an der er sich dann auch sehr aktiv beteiligt, vor allem in der Ukraine. Er kämpft an der Spitze einer schwer bewaffneten autonomen Gruppe von anarchistischen Kombattanten, in Kontakt mit Makhno, dem Anführer der ukrainischen Bauernarmee. Von den Bolschewiki zum Tode verurteilt verlässt er nach deren Machtübernahme 1921 heimlich das Land, und landet zunächst (wie Makhno auch) in Paris. Während dieser vier Jahre voller militanter Aktivitäten und heftiger Gefechte, hat er außerdem noch ein höchst bewegtes Liebesleben, aus dem ein Kind resultierte, mein Halbbruder Dodek.

    Nach seiner Emigration, zuerst in Paris, dann in Berlin und dann wieder in Frankreich, verdient er seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Straßenfotograf, was ihm aber doch materielle Unabhängigkeit sichert. 1924 lernt er bei Gelegenheit einer Reise nach Berlin diejenige kennen, die meine Mutter werden sollte. Liebe auf den ersten Blick auf der einen wie auf der anderen Seite verband beide unauflöslich zu ihrem besten wie auch vor allem zu ihrem schlimmsten; in einer freien Verbindung lebten sie bis zum Tode meines Vaters

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