X hits on this document

526 views

0 shares

0 downloads

0 comments

22 / 88

im Jahr 1942 (nach seiner Deportation nach Auschwitz). Ich bin das einzige Kind, das aus dieser Verbindung hervorgegangen ist. Meine vier Jahre ältere Schwester stammt aus einer früheren Ehe meiner Mutter, die sich zum Zeitpunkt dieser schicksalhaften Begegnung schon auflöste. [ ... ]

   Sowohl meine Mutter als auch mein Vater hatten eine bemerkenswerte schriftstellerische Begabung. Bei meinem Vater war es sogar eine dominierende Bestimmung, die er als untrennbar von seiner Berufung als Revolutionär empfand. Auf Grund der wenigen Fragmente, die er hinterlassen hat, zweifele ich nicht daran, dass er das Zeug hatte, ein großer Schriftsteller zu werden. Und nach dem abrupten Ende eines immensen Abenteuers trug er während vieler Jahre in sich das zu vollendende Werk –  ein Fresco, angefüllt mit Glauben und Hoffnung und Schmerz, mit Lachen und Tränen und vergossenem Blut, prall und unermesslich wie sein eigenes Leben, ungezähmt und lebendig wie ein Lied der Freiheit ... Es wäre seine Aufgabe gewesen, diesem Werk zum Leben zu verhelfen, einem Werk, das dicht und schwer wurde, das drängte und geboren werden wollte. Es wäre seine Stimme, seine Botschaft gewesen, die er den Menschen übermitteln wollte, all das, was kein anderer kannte und zu sagen gewusst hätte ...

    Wäre er sich selbst treu geblieben, hätte ihn dieses Kind, das geboren werden wollte, nicht vergeblich gebeten; aber er verzettelte sich. Im Grunde wusste er das sehr gut; und wenn er sein Leben und seine Stärke von den Kleinlichkeiten des Emigrantenlebens aufzehren ließ, dann nur, weil er insgeheim damit einverstanden war. Auch meine Mutter besaß außergewöhnliche Gaben, die sie zu Großem befähigten. Aber beide entschieden sich dafür, sich in einer leidenschaftlichen Konfrontation ohne Ende gegenseitig lahm zu legen. Beide verkauften das Recht des Erstgeborenen für die Erfüllung eines Ehelebens, in dem sie ihre alles Maß übersteigende „große Liebe“ herausstellten, und keiner von beiden wagte bis zum Tod, sich die wahre Natur ihrer Beweggründe einzugestehen.

    Nach Hitlers Regierungsübernahme im Jahr 1933 emigrieren meine Eltern nach Frankreich, noch für einige Jahre das Land des Asyls und der Freiheit, und lassen meine Schwester in der einen Ecke (in Berlin) und mich in der anderen (in Blankenese bei Hamburg) zurück, ohne sich bis 1939 besonders um ihre unbequeme Nachkommenschaft zu kümmern. Ich treffe sie im Mai 1939 in Paris wieder (die Situation war für mich in Nazi-Deutschland immer gefährlicher geworden), einige Monate vor dem Ausbruch des Weltkrieges. Es wurde Zeit! Wir werden als „unerwünschte“ Ausländer interniert, mein Vater im Winter 1939, meine Mutter und ich Anfang 1940. Ich bleibe zwei Jahre im Konzentrationslager (*), bis ich 1942 im Kinderheim „Secours Suisse“ in Chambon-sur-Lignon Aufnahme finde, in dem protestantischen Gebiet von Cévénol (wo sich viele Juden versteckten, die wie wir von der Deportation bedroht waren). Im gleichen Jahr wird mein Vater aus dem Lager Vernet an einen unbekannten Bestimmungsort deportiert. Erst viele Jahre später erhalten meine Mutter und ich die offizielle Nachricht von seinem Tod in Auschwitz. Meine Mutter bleibt bis Januar 1944 im Lager. Sie stirbt im Dezember 1957 an einer Lungentuberkulose, die sie sich im Lager zugezogen hatte.

    In den Jahren 36 und 37, als ich noch in Deutschland war, weckt die spanische Revolution die größten Hoffnungen in den Herzen der militanten Anarchisten. Meine Eltern nehmen daran teil und engagieren sich vollständig – die große Stunde der Menschheit ist endlich gekommen! Sie verlassen das Land und kehren erst nach Frankreich zurück, als unwiderruflich feststeht, dass die Partie auch dieses Mal endgültig verloren ist. Diese Erfahrung in ihrem reifen Alter und die unausweichliche Niederlage, die daraus resultierte, versetzte beider revolutionären Glauben einen tödlichen Schlag. Mein Vater hat niemals den Mut

Document info
Document views526
Page views527
Page last viewedThu Dec 08 10:02:12 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments