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gefunden, sich dem eigentlichen Sinn dieser Erfahrung zu stellen, sich das Scheitern seiner weltumgreifenden Vision einzugestehen, zu einer Zeit, als die „große Liebe“ – auch sie – zerbröckelte. Bis zum Ende seines Lebens wird er sich mit den Lippen zur Freiheit bringenden Revolution bekennen, die es in Wirklichkeit nicht mehr gibt. Die Wahrheit war, dass er den Glauben an sich selbst in den vorauf gegangenen Jahren verloren hatte.  Nur in ihm hätte er die Kraft finden können, das Ende einer Sache außerhalb von ihm selbst zu konstatieren und demütig zu akzeptieren. Und um den Glauben an sich selbst, den er verloren hatte, wieder zu finden, wäre es notwendig gewesen, den Mut zu finden, sich seinem eigenen Mangel an Freiheit zu stellen, seinen eigenen menschlichen Schwächen und seinen eigenen Verrat, anstatt bei anderen die Schuld für eine verlorene Revolution zu suchen und sich vor zu gaukeln, dass „man“ das nächste Mal alles besser machen werde und dass es dann die „wahre“ sein werde.

In der Fußnote (**) zu diesem Text heißt es:

Ich bin meinem Vater zu Dank verpflichtet, dass er sich bemüht hat, in mir die gleiche Solidarität mit den Benachteiligten  entstehen zu lassen, die in ihm so stark und sein ganzes Leben lang lebendig war. In seinen Beziehungen zu anderen und vor allem zu Leuten aus kleinen Verhältnissen habe ich niemals die kleinste Nuance von Arroganz oder Herablassung wahrgenommen (die im Gegensatz dazu bei meiner Mutter keineswegs selten war).

In einer weiteren Fußnote (*) schreibt Grothendieck folgendes:

Die längste Zeit, die ich mit meiner Mutter interniert war, verbrachte ich im Lager Rieucros einige Kilometer entfernt von Mende – ein kleines Lager für Frauen (ungefähr 300 Internierte), von denen einige Kinder hatten. Ich bin nur einige Monate im Lager von Brens gewesen, nahe Gaillac, wohin das Lager von Rieucros verlegt wurde und wo meine Mutter noch zwei Jahre blieb. Der Aufenthalt in den Lagern war für mich eine harte Schule, aber ich bedaure nicht, sie durchgemacht zu haben. Was ich dort gelernt habe, hätte ich niemals aus Büchern lernen können. Übrigens hat mich niemals die Vorstellung verlassen, dass solche Zeiten wiederkehren werden, und dass ich vielleicht nochmals solche Prüfungen – vielleicht sogar schlimmere – werde durchstehen müssen.

Bevor wir diesen Bericht zunächst durch einige Informationen über Saschas Heimatstadt Novozybkov ergänzen, wollen wir eine Bemerkung einschieben, die das ganze Ausmaß unser Unwissenheit über Saschas Leben verdeutlicht. Wir wissen nicht mit Sicherheit, was seine Muttersprache war, welche Sprache in der Familie seiner Eltern gesprochen wurde. War es Russisch oder Jiddisch oder Ukrainisch? Am meisten spricht für die erste Alternative, denn Hankas späterer Lebensgefährte wurde im deutschen Bekanntenkreis oft der „Russe“ genannt und in EF ist öfter davon die Rede, dass er mit den „Genossen“ Russisch sprach.  Sicher ist das jedoch nicht, und es ist gut vorstellbar, dass in der Familie Jiddisch gesprochen wurde.

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