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    Nun zu Novozybkov: Wie schon erwähnt, liegt diese Stadt auf ukrainischer Seite nahe dem Dreiländereck Russland, Ukraine, Weißrussland etwa fünfzig Kilometer nordöstlich der weißrussischen Stadt Gomel. Es heißt, dass vor dem Holocaust etwa 5000 Juden dort lebten, bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 30000 zumindest eine beachtliche Minderheit, auch wenn Novozybkov nicht – wie Grothendieck zu glauben scheint – eine mehr oder weniger rein „jüdische Stadt“ war. Während der russischen Revolution und den Aufständen gegen das Zaren-Regime kam es auch hier wie in vielen anderen Städten des russischen Reiches zu schweren antisemitischen Pogromen. Verantwortlich dafür waren vor allem die „Schwarzen Hundertschaften“, Gruppen extremer Royalisten, die sich mit Unterstützung der Regierung und der russisch-orthodoxen Kirche auf Massaker an Juden, Armeniern und anderen Minderheiten spezialisiert hatten 13. Nach der Besetzung der Stadt im Sommer 1941 durch deutsche Truppen wurden alle jüdischen Einwohner exekutiert; nur wenige konnten entkommen. Seit dieser Zeit gibt es nur noch eine kleine jüdische Gemeinde von wenigen hundert Personen in Novozybkov. Man wird annehmen dürfen, dass auch die Mitglieder von Saschas Familie in diesen Jahren ums Leben kamen oder in andere Länder flüchteten. In jüngerer Zeit ist Novozybkov eine der am stärksten durch das Reaktorunglück in Tschernobyl betroffenen Städte der ehemaligen Sowjetunion.

    Es stellt sich die Frage, wie Sascha schon als Schüler mit anarchistischen und revolutionären Kreisen in Berührung gekommen ist und was ihn dazu bewogen hat, aus dem Elternhaus auszubrechen. Diese Frage lässt sich nicht mehr beantworten, aber man muss sich vergegenwärtigen, dass Russland in diesen Jahren im Aufruhr war und dass diese revolutionäre Bewegung im Jahr 1905 ihren Höhepunkt erreichte. Ursache waren vor allem die unbeschreiblich elenden Lebensbedingungen der Millionen von Bauern und des städtischen Industrie-Proletariats. Am 9. Januar 1905 schossen Truppen Tausende von unbewaffneten Streikenden nieder, die versuchten, dem Zar im Winterpalast von Petersburg eine Petition zu übergeben. Nach diesem „Blutsonntag“ kam es zu Streiks und Aufständen im ganzen Land. Auch Truppenteile meuterten, so zeitweise die Besatzung des Panzerkreuzers Potemkin in Odessa. Matrosen meuterten in Sewastopol und Kronstadt, Bauern brannten Tausende von Landgütern nieder, der Zar war gezwungen, ein demokratisches Regierungssystem zu versprechen. Auf die Dauer standen die stärkeren Bataillone jedoch auf zaristischer Seite, und

13   Über diese Pogrome berichtet Carl Stettauer, der von 1890 bis 1907 Russland besuchte, um Hilfsmaßnahmen für die jüdische Bevölkerung zu organisieren. Sein Nachlass befindet sich in der Universitätsbibliothek Southhampton, GB.

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