X hits on this document

539 views

0 shares

0 downloads

0 comments

25 / 88

ab Ende dieses Schicksalsjahres brach der Aufstand allmählich zusammen. Erst die Oktober-Revolution von 1917 fegte das zaristische Regime endgültig hinweg.

    In diesen Wirren war die Situation der jüdischen Bevölkerung ganz besonders prekär. Einerseits stellte sie einen Teil der intellektuellen Elite des Landes, andererseits war Antisemitismus weit verbreitet, vom Zaren und vielen seiner Beamten bis zu erheblichen Teilen des Proletariats. Konstantin Pobedonostov, ein Viertel Jahrhundert lang Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, traf eine weit verbreitete Stimmung im Lande, als er erklärte, das „Judenproblem“ lasse sich nur lösen, wenn ein Drittel zum Christentum bekehrt werde, ein Drittel auswanderten und die übrigen „verschwänden“.

    Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, dass unter diesen Umständen ein junger Mensch, „ein weites und kühnes Herz“, wie Grothendieck schreibt, sich der Sache der Revolution anschließt.

Wie schon gesagt, enthält „Eine Frau“ zahlreiche verstreute Bemerkungen zu Saschas Biographie. Setzt man diese Bemerkungen chronologisch zusammen, erhält man für die zwei Jahrzehnte 1905 bis 1925 einen ziemlich vollständigen Lebenslauf, der Grothendiecks Schilderung in vielen Punkten ergänzt:

    Ab 1905 nimmt Sascha, wie von Grothendieck geschildert, an verschiedenen revolutionären Kämpfen teil. Nach seiner Gefangennahme 1909 bricht er aus dem Gefängnis aus, wird dabei von Schüssen getroffen und verliert den linken Arm. (Nach einer anderen wenig glaubhaften Darstellung verlor er den Arm bei einem Bombenattentat, das er verübte.) Seine Strafe verbüßt er offenbar im Jeroslawer Zentralgefängnis. In CdS, S. 86 berichtet Grothendieck, dass sein Vater etwa 1914 ein Jahr in Einzelhaft zubringen musste:

Das war sicher das härteste Jahr seines Lebens ...: totale Einsamkeit, ohne etwas zu lesen oder zu schreiben oder irgendeine Beschäftigung, in einer isolierten Zelle auf einer leeren Etage, sogar vom Lärm der Lebenden abgeschnitten, nur die unveränderliche tägliche Routine: dreimal am Tag das kurze Erscheinen des Wächters, der die Tagesration bringt, und am Abend das Auftauchen des Direktors selbst, der in Person den „Dickkopf“ des Gefängnis inspizieren will.

Durch die Oktober-Revolution wird er befreit und schließt sich sogleich Kampfgruppen der anarchistischen Bewegung und der Armee des ukrainischen Generals Nestor Makhno (1889 – 1935) an. Es würde zu weit führen, hier viel über die revolutionären Kämpfe der Jahre 1917 bis 1921 zu sagen. Zeitweise waren vier sich heftig bekämpfende Fraktionen involviert, die Kriegsgegner Russlands

Document info
Document views539
Page views540
Page last viewedFri Dec 09 12:16:38 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments