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sie da zugebracht mit ihrem Kind. Etwa ein Jahr, nachdem Sascha vor dem Todesurteil geflüchtet war, hat man sie interniert, als Repressalie gegen ihn. Das Kind war damals zwei Jahre alt. Im letzten Jahr hat sie im Lager Büroarbeit gemacht, da war es schon nicht mehr so schlimm. Jetzt ist sie frei, aber als Konterrevolutionärin hat sie keine Arbeitserlaubnis, keine Wohnberechtigung. So zieht sie unstet mit ihrem Kind durch das Land. Die wenigen Genossen und Freunde, die noch in Freiheit sind, nehmen sie auf, so lange sie können, helfen ihr, wenn sie können, selbst bedroht von Tag zu Tag. Senja, mit dem sie kurz vor ihrer Internierung ihr Leben vereinigt hatte, ist jetzt zum zweiten Mal im Gefängnis. Sie hofft, daß er doch einmal wieder frei sein wird. [...] Der kleine Dodik ist ein übersensibles, übernervöses Kind, über sein Alter gereift durch die Dinge, die er hat erleben müssen. Aber wenn sie ihn nicht hätte – er ist alles, was sie noch am Leben erhält.

    „Ja, da – „ Mit einer behutsamen Geste holt Sascha zwei Fotos heraus und legt sie neben das graue Stück Tütenpapier. Schlechte „Fotografen-Fotos“. Nur er kann in dem bis zur ausdruckslosen Leere retuschierten Gesicht der Frau die vertrauten, geliebten Züge wiederfinden. Auf dem Bild des Kindes dagegen hat der Fotograf die ganze mitleidlose Schärfe gelassen, mit der der armselige, schlechtsitzende Anzug in die Augen springt: die Falten des zu weiten Hemdes auf dem dünnen Körperchen und das schlotternde Trägerhöschen, dem man ansieht, daß es aus hartem Stoff und ohne Schnittmuster selbstgeschneidert ist. Aber sehr trotzig und verwegen steht der kleine Kerl da auf leichtgespreizten Beinchen, an denen die Knie am dicksten sind. Die kurze, vorgewölbte Unterlippe von eigenwilliger frühreifer Festigkeit und beinahe von Skepsis gekennzeichnet, und die immensen dunklen Augen – ein Ausdruck ist in dem zarten Kindergesicht, der wehtut.

Die in diesem Text beschriebene Fotografie existiert heute noch; Grothendieck hat sie mit folgender Unterschrift versehen: Dodek 1926 (huit ans). Auf derselben Albumseite befindet sich noch ein zweites Foto von Dodek aus dem Jahr 1930. Ein zweifellos sehr unregelmäßiger brieflicher Kontakt muss also noch länger bestanden haben. In CdS erwähnt Grothendieck seinen Halbbruder in wenigen Zeilen:

Der Kontakt zu meinem Halbbruder (geboren 1917 oder 1918) ist während des Weltkrieges verloren gegangen, ich habe ihn niemals gesehen und hatte auch keine Korrespondenz mit ihm. Ich habe seine Briefe (in Russisch) und die seiner Mutter Rachil Schapiro gesehen, die ich in den Papieren meines Vaters gefunden habe. Sie waren Opfer schwerer Diskriminierungen und führten ein sehr unsicheres Leben. Es ist einige Jahre her, dass ich ein oder zwei Jahre lang versucht habe, seine Spur wieder zu finden, aber ohne Erfolg. ...

Schließlich widmet Grothendieck seinem Bruder handschriftlich ein Exemplar von „A la poursuit des champs“:

    A mon frère, Dodek Shapiro, que j'auvais voulu remontrer un jour, alors que les seul signes tangibles que j'aie de sa vie sont quelques lettres et photos d'enfant, anciennes de près d'un demi-siècle, datée d'Ulianovsk en Sibèrie, adressées à son père Sascha (qui est aussi le mien) …

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