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Wie schon gesagt, gelingt Sascha in den Wirren dieser Monate und Jahre nach der Oktober-Revolution die Flucht aus dem Gefängnis, in deren Verlauf er sich mit dem bekannten Anarchisten Alexander Berkman in Minsk trifft, der ihn mit Geld unterstützt. Er verlässt 1921 die Sowjetunion; eine jüdische Frau namens Lia hilft ihm illegal über die russisch-polnische Grenze, deren sechzehnjährige Schwester Ite begleitet ihn nach Danzig. Er gelangt nach Berlin, um wenige Wochen später nach Paris weiter zu reisen. Dort lebt er zwei Jahre lang mit Lia zusammen.

    Während dieser Zeit gibt es noch weitere Frauen in seinem Leben, über die EF (Teil V, S. 160) berichtet:

Lott kennt schon einige Frauen aus Saschas Erzählungen. Lia, Ites Schwester, die ihm über die russische Grenze half und später seine Frau wurde; genau so stolz und starrsinnig, wie ihre Schwester aussieht. Ljuba die Weiße und Ljuba die Schwarze. Jelena Fjedorowna, eine Studentin, die Sascha zur Anarchistin gemacht hat; als er bei den Bolschewiken gefangen saß, hat sie gemeinsam mit Rachill seine Flucht vorbereitet. – Marussja Nikiforowa, die man mit ihrem revolutionären Namen Wladimir nannte, und die immer in Männertracht ging: was für eine Frau das war! Hat ein Aufstandsregiment geführt, hat Städte besetzt, stundenlang auf Meetings gesprochen – Zehntausend Rubel waren auf ihren Kopf ausgesetzt, und in Charkow ist sie von Denikin gehängt worden. – Und vorher diese tolle Liebe des zu Lebenslänglich verurteilten im Jeroslawer Zentralgefängnis mit Vera Dostojewskaja, ein übersensibles, leicht verwachsenes Geschöpf von spiritueller Häßlichkeit und scharfer, etwas bösartiger Intelligenz, eine linke Sozial-Revolutionärin. Mit einer Gruppe ihrer Kameraden war sie eines Tages in Jeroslaw eingeliefert worden. Gemeinsam mit ihnen setzte er durch – Sascha mit einem Hungerstreik –  daß das Regime der politischen Gefangenen auf sie angewandt wurde: ihre Zellen blieben tagsüber geöffnet. Den anderen Sozial-Revolutionären schien es nicht zu passen, daß Sascha sich täglich in den Frauenflügel und in Veras Zelle stahl. „Sie beschmutzen die Fahne unseres Märtyrertums,“ warf eine ältere Sozial-Revolutionärin ihm einmal vor. – „Ich habe nicht abgemacht für Märtyrertum,“ antwortete Sascha ihr. „Die einzige Fahne, zu der ich stehe, ist die Freiheit. Und wenn ich, in Ketten für mein Leben, ein wenig Leben und Freiheit diesem Kerker entreißen kann, so ist es gut getan.“

An anderer Stelle heißt es:

Leider ist sein Same scheinbar sehr lebensdurstig, und alle seine Geliebten haben Aborte machen müssen. Nur Rachill, die hat es einmal gegen ihn durchgesetzt ...

Wir beschließen diese erste Kapitel über Saschas Leben mit einer Feststellung, die bei seiner Herkunft vielleicht etwas überraschen mag: Allem Anschein nach fühlte sich Sascha nicht als Jude. Wir finden keinerlei Anzeichen für ein jüdisches Bewusstein oder eine jüdische Identität. Selbstverständlich war er Atheist; er befolgte keine der religiösen Riten seines Volkes. „Synagoge“ oder „koscher“ scheinen Fremdworte für ihn gewesen zu sein. Sie kommen in EF  nicht vor; von Juden ist dort ebenfalls fast überhaupt nicht die Rede. Viele seiner Mitkämpfer und Bekannten waren in der Tat Juden,

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