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    Ich bin weit davon entfernt, auf diese Fragen vollständige und befriedigende Antworten zu haben. Aber ich bin zu einigen Teilantworten gekommen:

    Wie schon angedeutet sind über Grothendiecks Leben, vor allem seine Herkunft und Jugend, aber auch die Jahre seit seinem Rückzug aus der Mathematik, alle möglichen falschen oder halbfalschen Informationen im Umlauf. Das geht von trivialen Fehlern, etwa was Lebensdaten und Aufenthaltsorte betrifft, bis zu gravierenden Irrtümern, etwa dass seine Mutter jüdischer Abstammung sei, dass er nach seinem Rückzug von der Mathematik als Bauer gelebt habe, dass er „verrückt“ sei, in einer Anstalt für psychische Kranke lebe oder überhaupt schon verstorben sei. Eine meiner Aufgaben sehe ich darin, diese Irrtümer und Widersprüche aufzuklären und zu bereinigen.

    Was Grothendiecks Eltern betrifft, bin ich ebenfalls zu einer klaren Meinung gekommen. Das Lebensziel seiner Mutter war es, Schriftstellerin zu werden. Sie hat angestrebt und gehofft, ihre Arbeiten zu veröffentlichen. Äußere Umstände, vor allem ihr chaotisches eigenes Leben, haben das verhindert. Aber sie hat einen langen autobiographischen Roman hinterlassen, den ich persönlich in großen Teilen für literarisch bedeutsam und außerdem für ein hochinteressantes zeitgeschichtliches Dokument halte. Aus nachvollziehbaren Gründen wünschen die Angehörigen keine Veröffentlichung, jedenfalls nicht auf absehbare Zeit. Es ist klar, dass sie das letzte Wort in dieser Sache haben. Doch wenn diese Angelegenheit überhaupt einen „moralischen“ Aspekt hat, dann meiner Ansicht nach den, dass kein Mensch gewissermaßen das Eigentum seiner Nachkommen ist. Meiner Meinung nach hat ihr Wunsch, ihren Roman veröffentlicht und gelesen zu sehen, Vorrang vor den Bedenken der Angehörigen. So sehe ich es als meine Aufgabe an, wenigstens festzuhalten und zu dokumentieren, dass dieses Werk existiert, seinen Inhalt und Stil anzudeuten und zu sagen, dass dahinter ein Leben voller Tragik und Dramatik steht.

    Grothendiecks Vater ist fast vollständig wieder im Dunkel der Geschichte verschwunden. Aber, was wir von ihm noch wissen und in Erfahrung bringen können (und was wir uns vielleicht hinzu denken können), ist dermaßen ungewöhnlich und abenteuerlich, dass man überhaupt nicht anders kann, als alles aufzuschreiben und zu dokumentieren, was sich noch finden lässt. Es ist ein persönliches Schicksal, bewegter und bewegender als es die wildeste schriftstellerische Phantasie erfinden könnte. Und zugleich spiegelt es ein dramatisches Stück der Geschichte Europas wieder: die anarchistischen  Bewegungen in Russland und Spanien, die Vertreibung der osteuropäischen Intellektuellen, das Schicksal der Juden in Osteuropa, das intellektuelle Leben der zwanziger Jahre in Berlin und Paris, der Zusammenbruch Frankreichs im Zweiten

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