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Als er 1921 aus Rußland kam, haben die deutschen Genossen ihm aus ihrer Solidaritätskasse wöchentlich eine kleine Summe für seinen Lebensunterhalt gegeben, und er hätte jahrelang so leben können, wie Machno es auch tut. Ihm paßte das nicht. Und nach wenigen Wochen, da er in Berlin keine Arbeit fand, ist er nach Paris gegangen. Dort haben ihm Genossen Arbeit in einer kleinen Werkstatt verschafft. Der „Patron“ hat ihn auf Stücklohn angenommen, da er sicher mit seinem einem Arm nicht so viel schaffen könnte wie die andern. Aber nach kurzer Zeit hat er den Kniff gefunden, die paar Handgriffe der immer gleichen Beschäftigung so rationell auszuführen, daß er mehr schaffte als die anderen. Darauf wollte der Patron ihn auf Stundenlohn setzen, das wollte er sich nicht gefallen lassen, und er ist weggegangen. Zu jener Zeit hörte er, daß Genossen in Belgien mit Schnellfotoapparaten auf die Straße und auf Jahrmärkte gehen und wunderbar unabhängig damit leben. Er ist nach Belgien gefahren und hat eine Zeitlang mit einem geliehenen Apparat gearbeitet, bis er sich selbst einen anschaffen konnte. Gewiß ist es nicht die angenehmste Art sein Brot zu erwerben, aber es ist eine der wenigen Arbeiten, bei denen man weder ausgebeutet wird noch selbst jemanden ausbeutet: man lebt von dem Ertrag seiner Arbeit [...] Und man verdient gut dabei. Die Genossen arbeiten nur während der guten Jahreszeit, und da verdienen sie genug, um den Winter über ruhig leben zu können. „Aber bei mir ist es immer anders gekommen; ich habe nicht weniger gearbeitet und verdient als die anderen, aber nie ist bei mir ein Pfennig geblieben. Immer waren da Genossen, die keine Arbeit haben, und die müssen ja auch leben. ...“

Und dann sagt Sascha noch ein paar Worte zu seiner Schriftstellerei und seiner Ausweisung aus Belgien:

Ich muss schreiben ... Es ist eine Pein manchmal, daß ich so lange habe das Schreiben beiseite gelassen. In Belgien hatte ich wieder angefangen, wenn ich bin abends von der Straße gekommen. Aber wenn sie mich haben ausgewiesen, da haben sie mich von der Straße weggeholt mit dem Apparat, und nicht erlaubt, daß ich geh nach Haus und hol meine Sachen. An die Grenze geführt, zur Nacht, und Adieu! Wenigstens haben sie mich wählen lassen, welche Grenze. Ich habe den Leuten geschrieben, sie sollten mir bloß meine Manuskripte schicken, haben sie aber nicht gemacht. Und so ist alles verloren gegangen, auch was ich sonst schon hatte geschrieben. Und manches kann man nicht von neuem machen. ...

Im Jahr 1924 reist Sascha von Paris nach Berlin; er hat die Einreiseerlaubnis für eine Woche „zur Regelung persönlicher Angelegenheiten“ erhalten. Tatsächlich scheint es sich dabei um Auseinandersetzungen in den Zirkeln der russischen Emigranten und Anarchisten gehandelt zu haben. Offenbar war die Frage gestellt worden, wie es Sascha als einzigem aus seiner Gruppe gelingen konnte, 1921 aus der Sowjetunion zu fliehen. Um die ausgesprochenen oder unausgesprochenen Verdächtigungen aus der Welt zu schaffen, besucht Sascha mit dem Revolver in der Hand einige der russischen Anarchisten in Berlin, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Unglücklicherweise fehlt in Hankas Typoskript eine entscheidende Seite zu diesen Vorfällen; etwas ernsthaftes scheint aber nicht geschehen zu sein.

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