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    Bei diesem Besuch lernt Sascha Hanka Grothendieck kennen. Glaubt man der Darstellung in EF, so sieht er zufällig ein Foto von Hanka, vermutlich eines der Fotos von Hanka, die heute noch existieren, und eröffnet darauf hin ihrem Ehemann Alf Raddatz: „Ich werde Deine Frau wegnehmen!“. Dieser Satz erhält seine richtige groteske Perspektive erst, wenn man weiß, dass er sich später – ständig von Ausweisung bedroht – zeitweise als der Ehemann Raddatz von Hanka ausgibt und zwar offenbar mit Zustimmung und unter Benutzung der Personalpapiere desselben.

    Der erste Eindruck, den Sascha in Berlin auf die „Genossen“ macht wird wie folgt geschildert:

Das ist der merkwürdigste Kopf, den Redy jemals gesehen hat. Natürlich, diese ausgefallene Idee, sich den Schädel zu rasieren, das gibt schon eine imposante Wirkung. Und das Gesicht ist auch danach: Cäsar; nicht mehr und nicht weniger. Daß so was lebt heutzutage! „Sascha?“ macht Redy fragend. „Ist das nicht die Verkleinerung von Alexander?“ Und denkt: geschmacklos; wie kann so eine Kerl sich einen Kosenamen zulegen! Alexander würde genau auf ihn passen.

Seinen Lebensunterhalt verdient Sascha weiterhin meistens als Straßenfotograf; es existieren zwei Fotografien, die ihn mit Kamera und Stativ zeigen, eine aus Deutschland, eine wohl aus Paris. EF enthält (in Teil VI) eine außerordentlich lebendige und spannende Schilderung seiner Arbeit als Straßenfotograf und der psychologischen Tricks, die man dabei anwenden muss, um Kunden anzulocken. Da er zeitweise einigermaßen gut verdient, können Hanka und Schurik sich 1927 ein Fotoatelier einrichten.

    Im Winter, wenn er auf den Straßen nicht mehr fotografieren kann, wenn gar kein Geld mehr in den Taschen ist, gehen Sascha und Hanka „ständeln“: In Arbeiterkneipen singt er russische Lieder, sie begleitet ihn auf der Gitarre, eine demütigende, erniedrigende Art des Gelderwerbs, im Grunde nur schwach kaschiertes Betteln. Trotzdem zeigen sich die proletarischen Arbeiter, die selbst kaum genug zum Leben haben, solidarisch. Sie sammeln Pfennige und Groschen ein. Aus bürgerlichen Lokalen werden die beiden dagegen immer heraus geworfen.

    In Paris und in den ersten Jahren in Berlin scheint Sascha noch enge Verbindungen zur anarchistischen Bewegung gehabt zu haben. Dazu ist anzumerken, dass gerade diese beiden Städte die Zentren russischer Exilanten und insbesondere der von den Bolschewiken vertriebenen Anarchisten waren. Hier etablierten sich Solidaritätskassen und Selbsthilfeeinrichtungen, hier fanden alle möglichen Kongresse und Versammlungen statt, hier erschienen die verschiedensten Publikationen, Wochenzeitungen, Aufrufe und Flugblätter. Auch wenn sich in den Jahren von etwa 1926 bis 1933 diese Verbindungen anscheinend etwas abschwächten, so muss doch festgehalten werden, dass der Glaube an die anarchistische

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