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einem sibirischen Lager.

Gezzi, ein italienischer Anarchist, der am Attentat auf das Mailänder Opernhaus beteiligt war, war damals nach Deutschland geflüchtet, denn es war zu befürchten, dass die italienische Regierung die Sache auf die Geleise des gemeinen Strafrechts schieben und seine Auslieferung verlangen würde. Sascha fand seine Gewalt-Demonstration erschreckend sinnlos und verfehlt, aber das war kein Grund für ihn, den Genossen nicht bei sich aufzunehmen. Sie kamen gut miteinander aus, wenn sie sich auch nur schwer verständigen konnten: Gezzi sprach kaum Deutsch, Sascha eine sehr mangelhaftes Französisch. [...] Die beiden Freunde wußten nicht, daß die Polizei schon auf Gezzi aufmerksam geworden war. Für mehrere Tage hatten sie sich in einem Nebenzimmer installiert [...] Später ist Gezzi nach Rußland gegangen, trotzdem Sascha ihn schon damals warnte wie vor dem sicheren Tod; und da ist der kerngesunde Mann, wie so viele andere, in einem Gefängnis „an Lungenschwindsucht gestorben“.

Schließlich werden in EF noch Besuche ungenannter Anarchisten erwähnt, unter anderem aus Bulgarien und Serbien, sowie von weniger prominenten Mitkämpfern wie ein gewisser Feldmann, der bisher nicht identifiziert werden konnte, oder Lias Gefährte Senja.

In ihrem Buch zeichnet Hanka ein lebendiges, ein bewunderndes, aber auch kritisches Bild ihres Lebensgefährten, der unwiderstehlichen Kraft seiner Persönlichkeit, der sich offenbar niemand widersetzen konnte. Es erscheint glaubhaft, dass ein Mensch mit dieser Vergangenheit eine innere Stärke und eine Ausstrahlung auf seine Umgebung besitzt, die durch nichts zu erschüttern ist und jeden anderen Eindruck überlagert und beiseite schiebt. Wir zitieren einige kurze Passagen, die sich durch eine lebendige Schilderung des wechselhaften Lebens in Berlin – am äußersten Rand der Gesellschaft – vielfach ergänzen ließen (EF, Teil VI, S. 102 ff):

Also Sascha: Stell Dir vor, ein Junge von siebzehn Jahren wird zum Tode verurteilt wegen revolutionärer Tätigkeit. Das war während der Aufstände 1905-1907, er ist zehn Jahre älter als ich. Während einer kurzen Periode hat man damals die Todesstrafe wieder eingeführt. Drei Wochen lang hat dieser Junge auf die Vollstreckung des Urteils gewartet. Also das – entweder zerbricht es einen Menschen, oder er ist nachher überhaupt nicht mehr zu zerbrechen. Dann ist er begnadigt worden.

Es ist wohl so: zu lange hat er ein wildes Wolfsleben geführt, gegen zu harte Widerstände sich daran gewöhnen müssen, nur seine Einsicht als Maßstab für sein Handeln zu nehmen, eisern auf seinem Willen zu bestehen bis zum letzten – um nicht zugrunde zu gehen, physisch oder in seiner Persönlichkeit. Und hat er nicht während der Revolution immer wieder bestätigt gefunden, daß sein Urteil richtig war? Es waren nicht die unbedeutendsten Genossen, die sich haben blenden lassen von den realistischen Gedankengängen einer Zusammenarbeit mit den Bolschewiken; die berühmte „Dicke eines Zigarettenpapierchens“, die nach Lenins Behauptung – zu jener Zeit, als die Anarchisten noch bedeutend

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