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oder gefährlich genug schienen, um Verträge vor [sic! gemeint ist wohl „mit“] ihnen zu halten – den ganzen Unterschied zwischen den beiden Ideologien ausmachen sollte!

    Und auch wo es das praktische Leben des täglichen Kampfes galt – war es nicht mehrfach für die Genossen verhängnisvoll geworden, daß sie nicht Saschas Meinung gefolgt waren. Diese Meinung gründete sich nicht immer auf Tatsachen. Manchmal wußte er nur durch eine Art Instinkt, wie er sich in der Atmosphäre dauernder unmittelbarer Gefahr ausbildet, daß dieses richtig und jenes unheilvoll sein würde. So hat er Lev Tschorny verloren, der trotz seiner Warnung zu einer Versammlung in eine Wohnung ging, die schon von der Tscheka besetzt worden war. Nicht aus Vorsicht hatte er ihm abgeraten – dann hätte man überhaupt keinen Schritt mehr machen können – sondern aus einer absoluten Gewissheit, als habe er selbst das guet-apens dort gesehen. Ja, solange er gegen eine feindliche Welt stand, war seine unbeugsame Haltung lebensnotwendig, und die Überzeugung von der Unfehlbarkeit seiner Entscheidungen. Aber im Zusammenleben mit einem geliebten Menschen - ?

An anderer Stelle läßt sie ihn über sich selbst sprechen, über seine schriftstellerische Berufung und die Revolution (EF, Teil V, 144):

Ja, es ist eine Pein, daß ich finde nicht jetzt die Möglichkeit zu meiner Arbeit. Dir habe ich es gesagt, und sollst Du Dir hoch anrechnen dies Vertrauen: zu keinem Menschen noch habe ich so von meinem Persönlichsten gesprochen wie zu Dir. Selbst zu Rachill nicht. Aber wenn die Möglichkeit zum Arbeiten hängt ab von einer Bedingung, die geht gegen meinen Stolz, gegen mein Ich – nenn es, wie Du magst – das will ich nicht. Um keinen Preis. – Du weißt, es gibt in meinem Leben zwei starke Pole: das künstlerische Schaffen und die revolutionäre Aktion. Und Du weißt, daß ich habe nicht wenig von meinem Leben gegeben für den Anarchismus, und ein Wunder ist nur, daß mein Leben ist nicht dabei draufgegangen. Aber da ist es wie in diesem Fall. Ich werde Dir erzählen so ein Fakt. Wenn ich war geflüchtet erst einige Monate aus Rußland, da haben die Bolschewiken zu mir geschickt einen Menschen, Baron Steimer hieß er. Und haben mir vorgeschlagen, sie wollen zu meiner Verfügung stellen unbegrenzte Mittel, daß ich kann für die Revolution arbeiten ganz nach meinem Sinn. Selbstverständlich nicht für sie; das wußten sie gut - . Ich hätte nicht brauchen ihnen Rechnung ablegen – über nichts. Nun, sie kannten mich gut, das muß man sagen. Und ich bin überzeugt, und auch damals war ich überzeugt: mit genügenden Mitteln hätte ich können die wahre Soziale Revolution vorbereiten so, daß sie wäre siegreich gewesen. Und auch die Bolschewiken wären erledigt gewesen du même coup, das sage ich Dir. – Nun, ich habe dem Baron Steimer gesagt, er soll zum Teufel gehen, und da wollte er noch weiter und weiter reden, habe ich ihn genommen und habe ihn die Treppe hinuntergeworfen. Und nachher habe ich ihm sagen lassen: wenn er noch einmal kommt zu mir in dieser Sache, oder irgend ein anderer – so erschieße ich ihn.

Er hat so oft dem Tod ins Gesicht gesehen – wann denn wäre sein Leben nicht bedroht? Er hat Tote gesehen, die ihm teuer waren, und noch mehr Kameraden hat er einem sicheren brutalen Tod überlassen müssen, ohne ihnen helfen zu können. Und er hat bitter um sie getrauert und um seine Machtlosigkeit. Aber zu Grübeleien über die Frage „Was ist der Tod?“ hat er nie die Muße gehabt und nie die Notwendigkeit empfunden. Zu anderem hat der Gedanke an die verlorenen Genossen angespornt: für das zu kämpfen, immer unermüdlicher, wofür sie ihr Leben gaben: für ein schöneres, gerechteres Leben für die Lebenden.

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