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der spanischen Revolution und den Erfahrungen in den Konzentrationslagern in Frankreich gewidmet sein.] Sie meinte, dass keiner der Texte in einem publikationsreifen Zustand war, und sie hat entschieden, dass nichts davon veröffentlicht werden sollte, auch nicht nach ihrem Tod. Im Rückblick scheint mir das eine weise Entscheidung gewesen zu sein, sicherlich von einem gesunden Instinkt geleitet. Sie muss, ohne sich jemals darüber ganz klar zu werden, über die Unvollkommenheit der Form hinaus einen wesentlicheren Mangel dunkel gespürt haben, einen Mangel an Tiefe, die sie niemals erreichen konnte  ... Immer hat mich diese Entscheidung meiner Mutter geschmerzt, [...] Es war wie ein Brot aus einem sehr gehaltreichen Teig, der aber ohne Hefe nicht aufgegangen ist.

    Meine Idee war es, dass ich vielleicht mit diesem reichen von meiner Mutter hinterlassenen Material versuchen könnte, das, was unvollendet geblieben war, zu einem guten Ende zu bringen ...

Es ist naheliegend, nach Hankas schriftstellerischen Absichten und Vorbildern zu fragen und zu versuchen, die literarischen Einflüsse zu erkennen, denen sie ausgesetzt war. Tatsächlich tappt man in dieser Beziehung ziemlich im Dunkeln, denn sie sagt selbst in dem Buch fast gar nichts dazu, was insofern erstaunlich ist, da sie ja die Heldin als angehende Schriftstellerin schildert. Das wenige, das sich belegen lässt, kann kurz so zusammengefasst werden:

    Wie schon berichtet wurde, war Hanka Grothendieck mit dem expressionistischen Theater und vermutlich der expressionistischen Literatur überhaupt gut bekannt. Die zahlreichen Gedichte, die in „Eine Frau“ eingestreut sind, sind stilistisch eindeutig dem Expressionismus zuzuordnen. Man wird sofort an Else Lasker-Schüler erinnert. Eine persönliche Begegnung mit dieser Dichterin, die sicher möglich gewesen wäre, wird aber nicht erwähnt 24. Was die Prosa betrifft – und damit „Eine Frau“ selbst – ist die Sache längst nicht so eindeutig. In Bezug auf Prosa scheint Hanka dem Expressionismus eher skeptisch gegenüber zu stehen, und sie erwähnt überhaupt nur zwei zeitgenössische Romanciers, Timmermans und Hamsun. Sie schreibt wörtlich:

Jetzt beginnt sie, schriftstellerische Leistungen vom Handwerk her zu beurteilen. Ah, die farbigen, saftigen Schilderungen Felix Timmermans' – eine Offenbarung. Manchmal lacht sie leise vor Entzücken: wie das gemacht ist! Erstmal muß man richtig sehen, riechen – wahrnehmen lernen, sagt sie sich überwältigt, dann kann man anfangen und zu schreiben versuchen. Mein liebes Kind, außer Gedichten kannst du noch gar nichts.

    Und eines Tages findet sie Hamsun. Da ist sie ganz still vor Ehrfurcht.

24  Else Lasker-Schüler führte in Berlin in den zwanziger Jahren ein Bohème-Leben; sie verkehrte in literarische Cafés und Salons und war mit allen Literaten und Künstlern dieser Zeit gut bekannt. Es ist denkbar, dass Hanka Grothendieck wegen ihrer Armut niemals in diesen Kreis geriet; einen Café-Besuch konnte sie sich meistens gar nicht leisten.

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