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Wenn man Hamsun – ohne in irgend einer Weise zu differenzieren – als naturalistisch oder realistisch einordnet, dann ist sicher damit auch der Stil von „Eine Frau“ in seiner Haupttendenz genannt. Hanka schreibt über weite Strecken nüchtern, anschaulich, zwar unkonventionell, aber nur selten exaltiert, flüssig und natürlich daherkommend. Das ist auch ihre Absicht. Zu Beginn des zweiten Teiles findet sich eine handschriftliche Notiz, der man einiges über ihre künstlerischen Absichten entnehmen kann:

Dieser ganze Teil ist in seiner jetzigen Komposition unbrauchbar. Es war ein Fehler, dass ich, auf Schuriks Insistance, auch hier alles nach Themen zusammenfügte; gerade hier ist es richtig, die Entwicklung ganz einfach chronologisch zu schildern.

    Es muß alles vollkommen aufgebrochen und umgeschmolzen werden. Viele einzelne Szenen sind gut, aber das Zusammenraffen wirkt artificiel und krampfhaft, statt eine künstlerische Notwendigkeit zu sein.

    Überhaupt ist es kurios: der ganze Stil in diesem Teil ist nicht ruhig, mit wenigen Ausnahmen vielleicht. Die Sprache ist indirekt, konventionell – sie ist nicht unmittelbar, nicht völlig lebendig und dépouillée wie fast überall in den anderen Teilen. Ce n'est pas une question de degrés, mais d'essence.

Ihre leitenden künstlerischen Absichten sind damit klar benannt: einfach, ruhig, unmittelbar, lebendig, schmucklos (dépouillée). Und eins scheint auf Grund dieser Sätze (und auch des oben zitierten Briefes von Alexander) zweifelsfrei: Ihre Absicht war es, etwas künstlerisch zu gestalten, einen Roman zu schreiben, nicht nur eine Autobiographie. Nebenbei ist es interessant festzustellen, dass diese Charakterisierung den künstlerischen Idealen des Bauhauses sehr nahe kommt; auch sie können mit den Worten „einfach, ruhig“ und vor allem „schmucklos“ beschrieben werden.

    Wie schon gesagt, spielt der zeitgeschichtlich wohl interessanteste letzte Teil des Manuskriptes (Teile 5 und 6) im Berlin der Jahre 1925 bis 1927. (Allerdings reicht auch die Schilderung des ganzen sozialen Elends während der Zeit der Hochinflation weit über die rein persönliche Dimension hinaus.) Allein schon die Identität von Ort und Zeit legt einen Vergleich mit Döblins „Berlin, Alexanderplatz“ nahe, ja macht ihn nahezu unvermeidlich, denn auch die Geschichte von Franz Biberkopf spielt in Berlin-Mitte von 1927 bis 1929. Hanka erwähnt diesen Roman nicht; es ist jedoch nur schwer vorstellbar, dass sie „Berlin, Alexanderplatz“ nicht gelesen hat. Dieses Buch war unmittelbar nach Erscheinen ein sensationeller Erfolg, der innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Nachauflagen erlebte 25.

    Bekanntlich markiert „Berlin, Alexanderplatz“ einen radikal neuen Anfang in der deutschen Literatur, sowohl von der Thematik

25  Es gibt einige Indizien, die darauf hindeuten, dass Grothendieck Döblins Buch „Berlin, Alexanderplatz“ nicht gekannt hat. Dann hätte seine Mutter dieses Buch vermutlich ebenfalls nicht gelesen.

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