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als auch von Erzählweise und Stil her. Walter Muschg schreibt dazu unter dem bezeichnenden Titel „Ein Flüchtling“ 26:

Im Dickicht Berlins war seit dem ersten Weltkrieg eine Stimme zu hören, die alle Abenteuer und Gefahren dieser Stadt zu enthalten schien. In Berlin war alles versammelt, was Deutschland groß gemacht hatte und was es in vulkanischem Ausbruch wieder ruinierte. Hier ließ auch Alfred Döblin wie ein rätselhafter Vogel im Urwald seinen rasselnden Gesang, sein Gelächter und Gekrächz ertönen ... Er hauste als Armenarzt im Arbeiterviertel ... Damals kämpfte er an der Spitze einer Generation, die das Ende der Bürgerzeit gekommen sah und auf den revolutionären Umsturz aller Dinge hinarbeitete. Er haßte die bürgerliche Gesellschaft, in deren Schatten er aufgewachsen war (sein Vater war nach Amerika durchgebrannt und hatte die Familie im Elend sitzen lassen), er verachtete ihre Ideale und besonders ihre Kunst, weil er vom Rohstoff des Lebens besessen war ...

Diese Sätze treffen sinngemäß abgewandelt auch auf Hanka Gro­then­dieck und „Eine Frau“ zu. Natürlich ist sie nicht berühmt wie Döblin, sondern völlig unbekannt aber „sie haßte die bürgerliche Gesellschaft, in deren Schatten sie aufgewachsen war (ihr Vater ... hatte die Familie im Elend sitzen lassen), sie verachtete ihre Ideale und besonders ihre Kunst ...“. Es liegt also nahe, beide Bücher zu vergleichen, und dabei bieten sich folgende leitende Gesichtspunkte an:

    - einerseits eine bemerkenswerte, manchmal frappierende Übereinstimmung im Stil,

    - andererseits eine völlig abweichende Perspektive und Sicht auf das Geschehen,

    - und schließlich die Tatsache, dass Hanka Grothendieck eine Frau ist und ihr Buch einen dezidiert feministischen Standpunkt ein­nimmt.

    Bevor wir dazu übergehen, soll noch einmal auf die zwangsläufige Kongruenz von Ort und Zeit in beiden Büchern hingewiesen werden. Es gibt eine große Übereinstimmung in den jeweils erwähnten Örtlichkeiten; manche Berliner Berühmtheiten werden in beiden Büchern erwähnt, und während Lotte (gleich Hanka) für „Die Welt am Montag“ schreibt, steht Biberkopf am Alexanderplatz und verkauft diese Zeitung. Es wäre wohl amüsant, alle diese Details einzusammeln.

    Es gibt aber tiefer gehende Übereinstimmungen – und diese sind nicht mehr „amüsant“, sondern bestürzend. Zum Beispiel sind beide Hauptpersonen – Biberkopf und Sascha – einarmig, und das ist bestimmt nicht „symbolisch“ gemeint, sondern beide Bücher handeln eben von Menschen, die vom Leben schwer beschädigt wurden.

26 W. Muschg: Die Zerstörung der deutschen Literatur; List-Taschen­buch, München o.J.

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