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    Und vielleicht kann das auch gar nicht anders sein, denn es gibt eine schon fast erschreckende Parallelität der Lebensgeschichten, von der Hanka jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach niemals etwas erfahren hatte. Wir fügen jetzt ein paar Worte über Döblin ein, auch wenn wir damit ein wenig von unserem eigentlichen Thema abkommen.

Alfred Döblin (1878 - 1957) entstammt einer jüdischen Familie, studierte Medizin und arbeitete als Arzt in Berlin-Mitte. Durch seine berufliche Tätigkeit war er mit dem Elend des Großstadt-Proletariats vertraut. Gleichzeitig begann er seine Laufbahn als Schriftsteller. Wie schon gesagt, wurde „Berlin, Alexanderplatz“ ein Welterfolg. 1933 ging er mit seiner Familie nach Paris ins Exil; sie nahmen die französische Staatsangehörigkeit an. Döblin hatte vier Söhne; der zweite, Wolfgang Döblin (1915 – 1940), wurde schon in ganz jungen Jahren ein bedeutender Mathematiker, einer der Begründer der modernen Wahrscheinlichkeitstheorie. Sein Genie ist mit dem von Galois und Abel verglichen worden. Man kann nur darüber spekulieren, was er in seinem Leben als Wissenschaftler hätte erreichen können. Doch es kam anders, und er entschied sich anders: 1938 wurde er zum Wehrdienst eingezogen (mit dem Ergebnis, dass in den letzten zwei Jahre seines kurzen Lebens wissenschaftliche Arbeit nur eingeschränkt möglich war). Schon vor Beginn der deutschen Offensive im Westen am 10. Mai 1940 war seine Einheit an die Front verlegt worden. Als Vincent Doblin zog er auf französischer Seite in den Krieg gegen Hitler-Deutschland, nach eigenen Worten bereit, für seine Ideen zu sterben. Er war entschlossen, als Jude nicht dem Feind in die Hände zu fallen. In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli waren die dezimierten Reste seines Regimentes vollständig von deutschen Einheiten umzingelt. In dem Dörfchen Housseras in den Vogesen verbrannte er die Papiere, die er noch bei sich trug, und erschoss sich selbst in einer Feldscheune. Wesentliche Teile seiner mathematischen Arbeiten sind erst im Mai 2000 bekannt geworden 27.

    Am 10.6.1940 hatte sein Vater Paris verlassen und begann getrennt von seiner Familie seine Flucht nach Südfrankreich, Spanien und Portugal, die ihn schließlich in die USA führte. Auf dieser Flucht kreuzte sich sein Weg mit dem der Grothendiecks

27  Die Informationen über Wolfgang Döblin sind entnommen: Berard Bru, Marc Yor, Comments on the life and the mathematical legacy of Wolfgang Doeblin, Finance Stochst. 6, 3-47 (2002). Über Wolfgang Döblin und das nicht immer unproblematische Verhältnis zu seinem Vater gibt es eine Biographie von Marc Petit, L'équation de Kolmogoroff, die allerdings dem Mathematiker Döblin nicht ganz gerecht wird. Alfred Döblins letzter Roman, „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“, gilt als Schlüsselroman, dem das Verhältnis zu seinem Sohn Wolfgang zu Grunde liegt.

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