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in dem kleinen Städtchen Mende im Zentral-Massiv, wo beide zur gleichen Zeit interniert waren 28. Und noch eine Übereinstimmung: Döblin konvertierte zum Katholizismus, wurde „fromm“ und von seinen aufgeklärteren Schriftsteller-Kollegen verlacht; auch Alexander Grothendieck wandte sich der Religion zu und konnte leisen Spottes seiner Mathematiker-Kollegen sicher sein. Wir werden in Kapitel 7 noch einmal auf Döblin zurück kommen.

Nach all diesen Vorbemerkungen wenden wir uns jetzt dem Text selbst zu. Der Stil von „Eine Frau“ ist gekennzeichnet durch einige Charakteristika, die man auch in anderen Prosawerken dieser Zeit, allen voran auch „Berlin, Alexanderplatz“ findet, z.B. eine fast durchgängige Verwendung des Präsens, was dem Text stellenweise einen Reportage-artigen Charakter verleiht, häufige Verwendung umgangssprachlicher Wörter und Redewendungen, vor allem in der direkten Rede, und eine offensichtlich bewusste und gewollte Ablehnung ästhetischer Sprachprinzipien, wie sie etwa bei Thomas Mann, aber auch bei avantgardistischeren Autoren wie Musil oder Broch vorherrschen. Die Darstellung gleitet allerdings niemals auch nur ansatzweise in die Schilderung einer Kleine-Leute-Idylle à la Fallada ab.

    Soweit es etwa um die Darstellung der Großstadt Berlin geht, die insgesamt jedoch sehr zurücktritt und in keiner Weise so dominiert wie bei Döblin, könnte man den Stil als gemäßigt expressionistisch bezeichnen. Die Berlin-Kapitel (Teil 5) beginnen z.B. mit folgenden Sätzen:

Jetzt sind die heißesten Tage im Jahr. Jede Straße Berlins ist ein wabernder Backofen. Die Wagen auf dem aufgeweichten Asphalt mahlen die Hitze zu brennendem Staub, der dir dörrend in die Lungen sinkt. Wenn die Straßenbahn an dir vorbeifegt, wirft ihre grelle Lackwand dir kochende Luft ins Gesicht, wie der Blendschirm einer eben ausgemachten elektrischen Heizsonne. Der Lärm selbst scheint vor Hitze zu flirren.

Das könnte ganz ähnlich auch bei Döblin stehen. Meistens ist jedoch die Diktion nüchterner und realistischer und damit oft auch beklemmender. Ein Beispiel, typisch nicht nur für den Stil, sondern auch für das Milieu, in dem große Teile des Buches spielen (Teil 5, 4. Kapitel):

Margot wohnt in der „Ritze“. So nennen die Eingeweihten den korridorschmalen Teil der Parochoialstraße.  Sie wohnt sogar in der Ritze der Ritze: von der ewig dämmerigen Straße kommt man in einen engen, dunklen Hausgang, durch den man sich an einer schmierig feuchten Mauer entlang auf einen stinkenden, nicht breiteren Hof hinaustastet, der mit seinen überfließenden

28  Über seine Flucht berichtet Döblin in „Schicksalsreise“, Verlag Josef Knecht, Frankfurt/M. 1949; danach zahlreiche Auflagen und Ausgaben.

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