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verbeulten Mistkübeln und der hängenden Klosetttür wie eine eiternde Wunde in dem hohen schimmeligen Mauerwerk zu klaffen scheint. Links eine krätzige Türöffnung, und da hißt du dich vorsichtig eine Stiege hinauf. Es ist gut, daß hier und da eine Luke in der Mauer ist, sonst würde man sich jedesmal ein Bein brechen: die meisten Stufen sind unerwartet hoch, und wenn du dich gerade daran gewöhnt hast, kommen mit einemmal zwei, drei ganz eng übereinander. Und kurz vor Margots Treppenabsatz ist eine überhaupt herausgebrochen. Ihre Bude, eng und lang wie ein Stück Riesendarm, ist viel schlimmer als bei der alten Hulda. Bei gutem Wetter kann man wohl am Fenster lesen und schreiben, aber tiefer ins Zimmer hinein tastest du in grauem Schatten. Das hat auch sein Gutes: in dem kranken Dämmer machen die hübsch angeordneten Möbel keinen üblen Eindruck, und erst wenn du dich so in einen Sessel setzt und mit der Hand über die Armlehne fährst, merkst du, daß sie aus rohem Bauholz hergestellt sind und der harte Brettersitz nur mit Rupfen bezogen ist.

    Und wenn du die zerbrochenen Sparren und das verfaulte Stroh aus der Zimmerdecke herabhängen siehst, dann verstehst du, woher Margots winziges Gesicht diese ungesunde Farbe und die leichte Schwammigkeit hat.

Zur Klarstellung muss angemerkt werden, dass die direkte Anrede des Lesers eine Ausnahme ist und sich in der Regel nur in einleitenden Abschnitten findet. Überhaupt sind solche Beschreibungen der Szenerie eher selten. Der Hauptteil des Textes besteht neben Dialogen aus direkter, manchmal scheinbar kunstloser Schilderung des Geschehens. Ein paar willkürlich herausgegriffene Zitate mögen das verdeutlichen:

Noch eine Frau kommt; der sieht man die Lebensreformerin auf Sichtweite an: ein schmaler Reifen von gehämmerten Kupfer preßt ihr das schwarze glatte Haar eng um den Kopf, und ein weiter, bunt gestreifter Leinenrock an einem engen Mieder mit kupfernen Knöpfen ...

Tagsüber ist es ziemlich ruhig im Keller, in dem schläfrigen Dämmerlicht von den zwei kleinen Fenstern her, die in der dicken Mauer wie in Schießscharten sitzen. Arbeitslose Genossen kommen und sitzen und  gehen, kommen und sitzen um den großen runden Tisch, auf Gerds selbstgezimmerter Eckbank, auf dem lendenlahmen Liegestuhl, dem wackeligen vergoldeten Rokokostühlchen oder auf den soliden Hockern. Der innen angebräunte eiserne Topf mit der dünnen Teebrühe wird niemals kalt, und weil jeder seine Zigaretten herumreicht, kommt keiner zu kurz.

Was die Diktion betrifft, könnte man meinen, „Berlin, Alexanderplatz“ zu lesen.

    Nach diesem Versuch, den Stil des Buches zu charakterisieren, soll jetzt etwas zur „Perspektive“ gesagt werden – und, was diese betrifft, könnte der Unterschied zu „Berlin, Alexanderplatz“ kaum größer sein: Döblin beschreibt das Geschehen aus gewissermaßen unendlicher Distanz, Hanka Grothendieck ist mitten darin. Die vielfältigen neuen Stilelemente, derer Döblin sich bedient, – eingestreute Reklametexte, Radionachrichten, Zeitungsschlagzeilen, Börsenberichte, technische Beschreibungen bis hin zu physikalischen Formeln – sie alle dienen stilistisch dazu, Distanz

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