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zum Geschehen zu schaffen, das Schicksal der Hauptpersonen auf eine Ebene zu stellen mit den vielleicht zufälligen, vielleicht gesetzmäßigen, aber jedenfalls unabwendbaren „objektiven“ Geschehen in der Welt, und sei es nur die Welt von Berlin, Alexanderplatz.

    Hanka Grothendieck schreibt dagegen ganz aus der Perspektive der Hauptpersonen selbst. Diese Perspektive gibt ihrem Buch in vielen Szenen etwas manchmal kaum erträgliches beklemmendes Authentisches, das aber auch ganz unvermittelt umschlagen kann in etwas beinahe peinlich distanzloses Voyeuristisches. Das Geschehen aus so unmittelbarer Nähe zu schildern, wird zu einer Gratwanderung, bei der ständig der Absturz droht.

    Vielleicht hätte sie diese Schwierigkeit der „zu großen Nähe“ umgehen können, wenn sie wie ihr Vorbild Hamsun öfter den Kunstgriff der indirekten Handlungsführung benutzt hätte: den Leser als von vornherein Vertrauten der Personen und des Milieus ansprechen, ihn sogleich mitten in die Handlung hineinstellen und ihm auf diese Weise ohne Beschreibung, Belehrung und Erläuterung dies und das mitteilen und allmählich mit dem Geschehen vertraut machen. Hanka verfolgt in dem ganzen Buch jedoch einen eher konventionellen chronologisch fortschreitenden Handlungsverlauf. (Es gibt auch keine inneren Monologe oder Rückblendungen oder ähnliche Merkmale des modernen Romans.)

    Vielleicht war Hanka Grothendieck aber der angedeutete Ausweg vom Ansatz her versperrt und diese Sichtweise nicht möglich, denn ihr Buch ist auch – unabhängig von allen literarischen Prinzipien – ein Dokument feministischer Emanzipation, und es hat untrennbar davon, einen immer wieder durchbrechenden autobiographischen Grundton.

    Damit sind wir bei zwei wesentlichen miteinander verbundenen Aspekten des Werkes, dem autobiographischen und dem feministisch-emanzipatorischen. Wie schon dargelegt, war es nicht Hankas Absicht, eine Autobiographie zu schreiben, sondern einen Roman – künstlerisch gestaltete Prosa. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie ihr eigenes Leben beschreibt. Es erscheint offensichtlich, dass zwischen diesen Polen – der künstlerischen Gestaltung und der wahrheitsgemäßen Darstellung – ein Spannungsverhältnis entsteht, ein Konfliktpotenzial, das im Zweifelsfall dem entstehenden Werk nicht gut tun kann. Manchmal scheint es, als werde Hanka von ihrer eigenen Biographie überwältigt.

    Das alles dominierende Prinzip in Hankas Leben war die permanente Rebellion gegen die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft, gleich ob moralische, politische oder ästhetische Konventionen, und vor allem auch die Rebellion gegen die Zurückstellung der Frau – im öffentlichen Leben, in der Politik, im

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