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Kulturbetrieb und in Bezug auf sexuelle Selbstbestimmung. Es ist im Rahmen dieses Buches nicht möglich, diesen Aspekt vertieft zu diskutieren. Es soll jedoch dieser wichtige Punkt wenigstens erwähnt werden, und es scheint wiederum so, dass diese „aufklärerische“ Absicht des Buches in Konflikt mit der künstlerischen Gestaltung geraten kann.

    Das Buch als Kunstwerk war also gewissermaßen von zwei Flanken her gefährdet, von der autobiographischen und von der feministisch-aufklärerischen her. Es ist nicht deutlich, dass Hanka sich immer für den Vorrang der künstlerischen Gestaltung entschieden hätte.

    Im Hinblick auf „Berlin, Alexanderplatz“ ist dies natürlich der Punkt, wo jede Analogie endet und geradezu diametral entgegengesetzte Punkte erreicht werden. Ein zentraler Satz, den Lotte immer wieder ausspricht und nach dem sie handelt, ist: Ich kann, was ich will. Franz Biberkopf dagegen wird solange herumgeschubst und herumgestoßen, bis er endlich kapiert hat, dass er nichts zu melden hat: „Der Mann ist kaputt“, ist die Bilanz.

    Dieses Ich kann, was ich will. Ich tue, was ich will ist der kategorische Imperativ im Leben von Lotte Babendeerde wie auch im Leben von Hanka Grothendieck, ein absolutes Gebot, dem sich alles unterzuordnen hat: Liebe, Schwangerschaft, Mutterschaft, Familie – auch das eigene Glück: Die Liebhaber werden wahllos gewechselt, gerade dann, wenn dazu am wenigsten Anlass besteht, immer wieder sind Abtreibungen nötig, aber wenn sie ein Kind will, dann will sie es, mögen die äußeren Umstände noch so elend sein, doch dieses Kind wird dann Großeltern, Pflegeeltern, Heimen überlassen, an keinem Ort hält sie es länger als wenige Jahre aus ...

    Ein radikaler und vorgelebter Aufruf zur Selbstbestimmung ist das dominierende Thema von „Eine Frau“.

Vielleicht war es der an offener Tuberkulose – Schwindsucht – erkrankten, von ihrem unglücklichen Leben erschöpften Frau bewusst, dass sie nur dieses eine Buch werde schreiben können. Und vielleicht ist dies der Grund, dass sie in den Mittelteil insgesamt etwa fünfundzwanzig Gedichte (aus ihrer Jugendzeit?) eingearbeitet hat. Eine künstlerische Notwendigkeit dazu ist nicht recht erkennbar, und inhaltlich ergibt sich nur insofern ein loser Anknüpfungspunkt, als sie eben die ersten dichterischen Versuche Lottes beschreibt. Später wird dann gelegentlich die Stimmung einer Szene, einer Begegnung zu einem Gedicht kondensiert.

    Der Stil dieser Verse ist durchweg expressionistisch. Wie schon gesagt, denkt man sogleich an Else Lasker-Schüler, wobei es jedoch keine direkten Verweise auf diese Dichterin gibt. Einige dieser Gedichte finden sich am Ende dieses Kapitels.

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