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    Es ist nicht ganz leicht (und vielleicht auch nicht besonders sinnvoll), über einen Roman zu schreiben, den niemand gelesen hat und der vielleicht noch längere Zeit nicht zugänglich sein wird. Bedenkt man jedoch, wie viel belanglose, überflüssige und schlechte Literatur gedruckt wird, dann ist es ein unabweisbares Gebot der Gerechtigkeit, Hanka Grothendiecks einzigen Roman nicht dem Vergessen preiszugeben, und sei es nur aus Respekt vor ihrem unsagbar unglücklichem Leben und der intellektuellen und moralischen Anstrengung, die es gekostet haben muss, dieses Buch zu schreiben.

    Es ist vielleicht angemessen, zum Schluss dieses Kapitels noch einmal Hanka selbst zu Wort kommen zu lassen. Es sind die letzten Abschnitte des (erhaltenen bzw. auffindbaren) Textes. Hanka und Sascha richten sich ein Atelier und eine Wohnung ein; dort haben sie dort einige Zeit mit ihren Kindern gewohnt, wie lange ist nicht bekannt.

Sie können jetzt vielleicht die noch nötigen Anschaffungen machen und die letzten Arbeiten am Atelier zu Ende führen, so daß man drin leben kann. Es wird Zeit: der Winter steht vor der Tür.

    Und endlich kann Lott den Boden zum letzten Mal scheuern, alles Handwerkszeug und alle Farbtöpfe sind verschwunden, und sie sehen ihr Werk an und sehen, daß es gut ist. Und eines Abends gibt es ein großes Einweihungsfest mit Wodka und russischen Zigaretten und vielen kalten Platten; sogar ein Grammofon haben sie aufgetrieben.

    Merkwürdig ist es: bei allen ist es üblich, dass für solche Gelegenheiten jeder Gast das seine beiträgt zu dem substantiellen Teil, nur bei Sascha kommt niemand auf die Idee, er selbst am allerwenigsten, und die relativ vernünftige Lott auch nicht. Nur die Husch bringt eine selbstgebackene Torte und kriegt dafür von Sascha, der Süßigkeiten nicht mag, einen schallenden Kuß auf jede Backe. Und dann wird die Husch von begeisterten Kuchenfreunden auf die Schultern genommen und im Triumph durchs Atelier getragen, und es wird gesungen und getrunken und getanzt und gesungen, daß der ganze Hof widerhallt.

    Und dann ist der Winter da, und sie stehen wieder da mit leeren Händen.

Gedichte von Hanka Grothendieck

Aus Hankas Roman „Eine Frau“ folgt eine in sich abgeschlossene kleine Geschichte aus Teil V. Margot, die Frau, die in der Ritze der Ritze wohnt (vgl. letztes Kapitel) erzählt Redy (= Alf Raddatz) ein Erlebnis aus ihrer Kindheit. Es ist typisch für die deprimierenden sozialen Verhältnisse, die in dem Buch beschrieben werden.

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